Qualifizierungs­angebote für Automobil­industrie: passgenau und anwendbar

©IHK Erfurt/Michael Hesse/v.l.n.r.: Mathias Hasecke, Vorstandsvorsitzender des at - automotive thüringen e.V. und der Geschäftsführer, Rico Chmelik im Gespräch.
v.l.n.r.: Mathias Hasecke, Vorstandsvorsitzender des at - automotive thüringen e.V. und der Geschäftsführer, Rico Chmelik im Gespräch.
Warum sollte ich diesen Artikel lesen?
  • Berufliche Weiterbildung und „Lebenslanges Lernen“ sind auch im Automobilsektor von immenser Bedeutung. Mitarbeiter müssen neue Kompetenzen vorweisen, um den Wandel mitgestalten zu können.
  • Gefragt sind daher auch neue, passgenaue Qualifizierungsangebote für Beschäftigte.
  • Wir haben mit dem Netzwerk at – automotive thüringen e.V. u.a. auch über erforderliche Anpassungen der Berufsbilder gesprochen.

Die Automobilbranche ist im Wandel. Die Trends sind klar definiert: Elektrifizierung, automatisiertes Fahren, Connected Car und Shared Mobility. Dieser Automobile-Strukturwandel findet bei uns vor der Tür statt. Betroffen sind Hersteller und Zulieferer in ganz Thüringen.

Nach einer regionalen Tiefenanalyse, die das Chemnitz Automotive Institut (CATI) 2018 erarbeitet hatte, sind Unternehmen im Produktbereich Antrieb mit dem höchsten Risiko behaftet. Viele dieser Unternehmen produzieren den klassischen Verbrenner und sind mehrheitlich im Kammerbezirk Erfurt ansässig. Und: in der Wartburgregion, in Mittel- und Nordthüringen sind im Vergleich zum restlichen Freistaat die meisten Mitarbeiter in der Thüringer Automobilindustrie beschäftigt. Bei einem erwarteten Elektrifizierungsgrad der Fahrzeuge von 30 Prozent bis 2025 kommen auf sie in nur wenigen Jahren neue Qualifikationsanforderungen und eine verstärkte interregionale Mobilität zu.

Welche das sind, darüber haben der Vorstandsvorsitzende und Geschäftsführer des Netzwerkes at – automotive thüringen e.V., Mathias Hasecke und Rico Chmelik, Auskunft gegeben.

Die aktuellen Anforderungen an die Mitarbeiter in der Automobilindustrie sind neu und verändert. Einfach nur einen Schraubenschlüssel bedienen zu können, das reicht nicht mehr?

Rico Chmelik: Nein, das ist es schon lange nicht mehr. Nehmen sie zum Beispiel Firmen, die sich am Erfurter Kreuz ansiedeln und Batterie-Management-Systeme fertigen, da ist der Zusammenschluss aus verschiedenen Fähigkeiten notwendig: aus dem Bereich der Elektronik, der Software, der Metallfertigung.

Rico Chmelik, Geschäftsführer Automotiv Thüringen

Die Anforderungsprofile werden höher und komplexer. Vor allem was das Verständnis von Software, Maschinenbedienung und -programmierung angeht.

– Rico Chmelik, Geschäftsführer des des Netzwerkes at – automotive thüringen e.V.

Welche Spezialisten brauchen wir?

Mathias Hasecke: Ja, das ist die Frage. Am besten einen, der alles kann. Ein Mitarbeiter in einer kleinen mittelständischen Firma muss alles leisten. In großen Firmen habe ich einen Einrichter, Programmierer und einen Maschinenbediener. Für eine Maschine drei Mitarbeiter.

Neue Kompetenzen sind gefragt – was bedeutet das für die Aus- und Weiterbildung?

Mathias Hasecke: Da sind jetzt die Handwerks- sowie die Industrie- und Handelskammern gefragt. Die müssen die Berufsbilder anpassen – das ist auf der Strecke geblieben. Neue Namen, neue Tätigkeiten – das fehlt halt auf dem Markt.

Mathias Hasecke, Vorstandsvorsitzender des at - automotive thüringen e.V.
©IHK Erfurt/Michael Hesse/Mathias Hasecke, Vorstandsvorsitzender des at – automotive thüringen e.V.

Rico Chmelik: Wir haben ja letztes Jahr eine Studie erstellt, wie sich Ausbildung ändern muss. Wenn man jetzt in den Bereich Batteriekühlung hineinschaut, das ist ja eine neue Komponente im Auto, da reden wir über völlig neue Kompetenzanforderungen. Das geht los beim Laserschneiden, Ultraschall-Schweißen, additiven Verfahren bis hin zu partiellem Verpressen. Es geht aber auch um das Materialverständnis von Keramiken, Polymeren, Edelgasen oder metallbasierenden Schäumen. Die Anforderungen an die Fähigkeiten für das Automobil der Zukunft werden steigen. Und dem muss auch Ausbildung Rechnung tragen.

Welche konkreten Berufsbilder sollten angeboten werden?

Rico Chmelik: Wir wissen, dass das Thema „Qualitätsvorausplaner“ sehr stark gefragt ist. Also wie muss ich das Produkt in Qualität und Stückzahl planen, wenn es beim Hersteller gelistet ist. Wir wissen auch, dass Fachkräfte für Batterietechnik künftig mehr gefragt sein werden. Da spielen auch Kenntnisse aus der chemischen Industrie eine Rolle.

Wie kann das Thema „Lebenslange Lernen“ bei den Mitarbeitern stärker platziert werden?

Mathias Hasecke: Bei den Kammern wird ja schon viel getan. Aber man muss die Leute aus der Reserve locken, damit sie sich dafür interessieren. Meine Mitarbeiter schicke ich in Firmen, von denen wir High-Tech-Maschinen kaufen. Die werden dann dort direkt vor Ort geschult.

Rico Chmelik: Wir können ihnen natürlich auch sagen, du hast die Chance, dich selber weiterzuentwickeln. Ich versuch es mal an einem Beispiel deutlich zu machen: Mitarbeiter, die Reisekosten analog abrechnen, die sind sehr fit, was die Regelungen angehen. In Zukunft kann es sein, dass diese Arbeit Computer Bots übernehmen. Wenn ich dem Mitarbeiter jetzt anbiete, du kannst die Software mit programmieren, du bist Teil der Lösung, dann signalisiere ich, du bist weiterhin ein Teil des gesamten Prozesses. Da ist Vertrauen sehr wichtig.

Der Faktor Mensch wird immer eine Rolle spielen. Es gibt große Konzerne, die haben sogenannte Bildungslotsen. Die machen im Prinzip den ganzen Tag nichts anderes, als mit den Mitarbeitenden zu reden und zu schauen: Was macht dir Spaß, wo würdest du dich gerne weiterentwickeln? Was sind unsere Anforderungen an das Produkt, an die Fertigungsverfahren? Und daraus entwickelt sich dann für Arbeitgeber und Arbeitnehmer der richtige Inhalt, der optimal ist und Spaß macht.

Der Geschäftsführer des at - automotive thüringen e.V., Rico Chmelik.
©IHK Erfurt/Michael Hesse/Der Geschäftsführer des at – automotive thüringen e.V., Rico Chmelik.

Haben Sie auch Forderungen an die Politik?

Mathias Hasecke: Die Bildungspolitik muss Hand anlegen. In manchen Berufssparten fehlt der ganze normale Hauptschüler. Alle wollten nur noch studieren. Jetzt müssen wir schauen, wo wir unsere Fachkräfte herbekommen. Es kann nicht sein, dass wir sagen, wir holen unseren Nachwuchs jetzt woanders her, obwohl wir eigentlich genug Leute hier in Deutschland haben, die durch Umschulungen in diese Richtung gebracht werden könnten. Aber das ist Sache des Kultusministeriums – da ist jetzt Politik gefragt.

Rico Chmelik: Was auch wichtig ist, gerade bei der Bildungspolitik, dass das Berufsschulnetz auch unter Einbindung von Experten weiterentwickelt werden sollte. Nehmen wir mal das Beispiel „Verfahrenstechnik Kautschuk“. Da gibt es nur noch wenige Berufsschulen, die das ausbilden. Und es wird für Lehrlinge immer anspruchsvoller, mobil zu sein. Wie weit kann man diese Mobilität treiben, wenn der Lehrling in Schlotheim arbeitet und die Berufsschule irgendwo in Südthüringen ist? Ein dichtes Berufsschulnetz sollte aufrechterhalten werden, auch wenn es kleine Lehrlingsklassen sind. Das sollte es dem Freistaat wert sein.

Interview: Michael Hesse

Exkurs: Rico Chmelik über das „Automobil der Zukunft“

Der Blick in die Glaskugel. Das Fahren wird vernetzter, es wird autonomer und es wird digitaler. Das Auto wird ein WLAN auf Rädern. Autofahren wird sehr Software getrieben sein mit sogenannten Mikromobil-Leistungen. Möchte ich eine Klimaanlage haben, dann kann ich sie mir dazu buchen. Wenn ich sie nur eine Stunde benutze, zahle ich einen geringeren Preis. Ich habe sie nicht mehr dauerhaft. Die Geschäftsmodelle werden sich verändern. Im Moment beruhen sie auf dem Euro je verkauftem Stückgut. In Zukunft wird Euro je Kilometer interessanter. Der Kunde, der Fahrgast wird dann für den gefahrenen Kilometer bezahlen und nicht für das gekaufte Auto.  Die Frage ist, ob der Besitz oder eher die Nutzung eine Rolle spielt. In diesem Wechselbad der Gefühle wird sich die Automobilindustrie künftig stärker zurechtfinden müssen.

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Thomas Fahlbusch

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