HFP Bandstahl: Vorzeige­­unternehmen in Sachen Energie­effizienz

©HFP Bandstahl Bad Salzungen
HFP Bandstahl Bad Salzungen
Warum sollte ich diesen Artikel lesen?
  • HFP Bandstahl aus Bad Salzungen gilt als Vorzeigeunternehmen in Sachen Energieeffizienz und Kohlendioxideinsparung.
  • Als Produzent von Stahlbändern für die Automobil- und die Lebensmittelbranche ist das Thema Energieeinsparung Alltagspraxis für Geschäftsführer Dr. Boris Kasper.
  • Lesen Sie im WiMa, wie Bandstahl Energie spart, wie der Leiter der Thüringer Energie- und GreenTech-Agentur, Dieter Sell, das Thema CO2-Neutralität einschätzt und welche Aussichten das Wirtschaftsministerium aufzeigt.

Unternehmen überall auf der Welt wollen in den nächsten Jahren C02-neutral werden. Doch alleine in Thüringen wird das die Wirtschaft mehrere Milliarden Euro kosten. In einer Firma in Bad Salzungen glaubt man dennoch, dass das neue Arbeiten möglich ist. Auch wegen des Verhaltens der Kunden. Aber ist das realistisch?

Es sind tatsächlich einige Sachen, auf die Boris Kasper verweisen kann, wenn er darüber spricht, was sie bei HFP Bandstahl schon alles unternommen haben, um den Energieverbrauch des Unternehmens zu senken. Manche dieser Dinge sind ziemlich trivial und sogar in so ziemlich jedem bewusst wirtschaftenden Privathaushalt inzwischen Standard. Wie etwa, die Umstellung der Beleuchtung auf LED-Technik. Alleine das, sagt der Geschäftsführer des in Bad Salzungen ansässigen Unternehmens, spare dort etwa 120 Tonnen Kohlendioxid ein. Pro Jahr. Andere Dinge sind komplexer, sparen noch mehr des Treibhausgases ein.

Erste kleine Schritte auf dem Weg zum CO2-neutralen Arbeiten

Aber reicht das? Kasper jedenfalls macht keinen Hehl daraus, dass sie auch bei HFP bestenfalls die ersten kleinen Schritte auf dem Weg zum CO2-neutralen Arbeiten gegangen sind.

HFP Bandstahl Bad Salzungen-Geschäftsführer Dr. Boris Kasper

Wir reden hier noch nicht von wirklich großen Schritten Richtung CO2-Neutralität.

– Dr. Boris Kasper

Diese Worte Kaspers sind eine offene und ehrliche Zustandsbeschreibung dafür, wo die globale, die europäische, die deutsche und auch die Thüringer Wirtschaft gerade bei dem Versuch steht, auf absehbare Zeit ohne den Ausstoß von Kohlendioxid zu arbeiten beziehungsweise das CO2, dessen Ausstoß sich nicht vermeiden lässt, irgendwie zu kompensieren. Denn realistisch betrachtet, hat dieser Versuch noch nicht allzu viel Strecke zurückgelegt. Er steht kurz nach dem Start, noch sehr weit vom Zielpunkt entfernt. Das zeigt sich umso mehr, wenn man bedenkt, dass HFP ein Vorzeigeunternehmen in Sachen Energieeffizienz und Kohlendioxideinsparung ist. Andere Firmen sind längst noch nicht so weit.

CO2-Bilanz des Unternehmens als Grundlage für mögliche Energieeinsparkonzepte

Letzteres wird vor allem dadurch offenbar, dass nach Angaben des Leiters der Thüringer Energie- und GreenTech-Agentur, Dieter Sell, gerade viele Wirtschaftslenker des Landes zu ihm und seinem Team kommen, um sich überhaupt erstmal eine CO2-Bilanz für ihre Unternehmen aufstellen zu lassen. Ohne einen solchen Überblick dazu, welche Maschinen und Gerätschaft in einer Firma überhaupt wie viel Energie aus welchen Quellen verbrauchen, ist an sinnvolle Einsparkonzepte selbstredend überhaupt nicht zu denken – was im Umkehrschluss auch bedeutet, dass sich zu viele Unternehmen bislang überhaupt noch nicht wirklich ernsthaft damit beschäftigt haben, wie sie Energie und Kohlendioxid einsparen können.

Was die Unternehmen, die jetzt zu Sell kommen, zu einer solchen Bilanzierung treibt, ist nach dessen Erfahrungen ebenfalls ziemlich trivial: das Geld; jenes Geld von dem die Firmen infolge der zuletzt massiv gestiegenen Energiekosten mehr und mehr für Strom und Gas und Diesel ausgeben müssen. Die sogenannte Dekarbonisierung der Wirtschaft ist deshalb etwas, dass nicht nur aus Klimaschutzgründen absolut geboten ist. Immerhin sollen auch zukünftige Generationen auf diesem Planeten noch gut leben können, wenngleich zuletzt die Zweifel daran größer und größer geworden sind, dass sich das berühmte 1,5-Grad-Ziel noch erreichen lassen wird.

70 Prozent der Thüringer Unternehmen im produzierenden Gewerbe auf fossile Energie angewiesen

Spätestens mit dem russischen Angriff auf die Ukraine und dessen Folgen ist vielen Geschäftsführern ziemlich schlagartig bewusst geworden, auf was für einem fragilen Fundament Unternehmen steht, die nicht ohne fossile Energieträger auskommen können. In Thüringen trifft das derzeit noch immer auf viele, viele, viele Firmen zu. Nach Daten des Thüringer Wirtschaftsministeriums sind im Freistaat beispielsweise etwa 70 Prozent der Unternehmen im produzierenden Gewerbe auf fossile Energie angewiesen.

Zu den komplexeren Dingen, die Kasper und seine Kollegen bei HFP unternommen haben, um weniger Energie zu verbrauchen und damit weniger Kohlendioxid zu erzeugen, gehört die Dämmung von Behältern, die warme Flüssigkeiten enthalten; der Umstieg von dieselbetriebenen Gabelstaplern auf Elektrostapler; der Aufbau einer Photovoltaik-Anlage. Alles in allem spart zusätzlich zur LED-Beleuchtung noch einmal etwa 1.000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr ein. Um eine Relation zu geben: Jeder Deutsche verbraucht nach Angaben des Umweltbundesamtes im Durchschnitt etwa 11 Tonnen Kohlendioxid jährlich.

Maßnahmen von HFP Bandstahl vorbildlich, aber Einsparungen dennoch relativ

Das, was HFP zur Dekarbonisierung bislang beiträgt, ist also absolut gesehen schon mal einiges, keine Frage. Doch wenn man weiß, dass Kasper sagt, der Energieverbrauch von HFP alleine sei so groß ist wie der Energieverbrauch einer Kleinstadt wie Bad Salzungen, dann wird auch ohne weitere Zahlenspiele klar, dass diese Einsparungen relativ gesehen bislang doch relativ klein sind. HFP – wo Stahlbänder für die Automobil- und die Lebensmittelbranche hergestellt werden – habe, sagt Kasper, durch all seine bisherigen Klimamaßnahmen ungefähr acht Prozent des Kohlendioxids einsparen können, das dort vor der Umsetzung der vielen Einzelmaßnahmen erzeugt worden sei.

Komplex ist die Umsetzung von manchen dieser Maßnahmen deshalb, weil selbst so einfach erscheinende Dinge wie der Bau von Solarzellen auf Dächer bei näherem Hinsehen oft gar nicht so einfach sind. Immerhin, sagt Kasper, müssten dafür manche Dächer erst mal aufgerüstet werden, damit sie die zusätzlichen Lasten auch tragen könnten, die Solarzellen bedeuten. Von den Investitionskosten ganz zu schweigen, die durch solche Bauarbeiten entstehen.

Investitionskosten für den Freistaat immens

Schaut man auf den gesamten Freistaat, dann summieren sich die zur Dekarbonisierung der Wirtschaft nötigen Investitionskosten auf eine gewaltige Summe. Alles in allem müssten in die Thüringer Unternehmen bis 2045 etwa neun Milliarden Euro investierten werden, um CO2-neutral zu sein, sagt Thüringens Wirtschaftsstaatssekretär Carsten Feller. Und auch wenn er in Aussicht stellt, dass das Land in den nächsten Monaten seine verschiedenen Richtlinien zur Wirtschaftsförderung so überarbeiten wolle, dass die Unternehmen in diesem Zusammenhang möglichst viel Unterstützung vom Staat erhalten können, warnt Feller doch vor allzu großen Erwartungen an die staatlichen Hilfen. „Wir werden das natürlich nicht ganz übernehmen können“, sagt er. Was im Umkehrschluss eben bedeutet, dass die Wirtschaft einen erheblichen Teil der Investitionskosten wird selbst stemmen müssen. Investitionskosten, die sich die Unternehmen auf die eine oder andere Art und Weise von Kunden und damit von Endverbrauchern wiederholen dürften.

HFP Bandstahl strebt CO2-Neutralität bis 2030 an

Genau aus dieser Beziehung zwischen der Wirtschaft und ihren Kunden beziehungsweise Endverbrauchern aber leitet Kasper einen doch ziemlich hoffnungsfrohen Ausblick ab. Denn trotz aller großen und kleinen Schwierigkeiten, ist er ziemlich optimistisch, dass das von ihm geführte Unternehmen bis 2030 tatsächlich CO2-neutral wird produzieren können. „Ich denke, ja, das ist zu schaffen“, sagt Kasper.

Wie so viele andere Wirtschaftsvertreter hofft er auf technische Neu- und Weiterentwicklung, die ihm und HFP und auch anderen Unternehmen dabei helfen sollen. Stichwort Wasserstoff, Stichwort Batteriespeicher, Akkus.

Wasserstoff: wirklich der Rohstoff der Zukunft?

Sell – der auch Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig ist und dort der Frage nachgeht, wo die Rohstoffe der Zukunft herkommen sollen – will derartigen Optimismus zwar nicht zerreden. Allerdings gibt er sich gerade mit Blick auf Wasserstoff und Akkus deutlich nüchterner als Kaper und auch viele Politiker, die geradezu euphorisiert sind, wenn sie laut über die Möglichkeit nachdenken, demnächst Stahl mit Hilfe von grünem Wasserstoff herzustellen. „Langfristig wird da schon was gehen“, sagt Sell. Dennoch es sei illusorisch, die Produktion in energieintensiven Unternehmen wie Stahlwerken kurzfristig auf Wasserstoff umzustellen. „An der dazu erforderlichen Infrastruktur haben wir ja wenig bis gar nichts“, sagt er. Vielmehr verweist er auf Schätzungen, die zeigten, dass Deutschland bis zum Jahr 2050 etwa die Hälfte des Wasserstoffes, den man brauche, um Erdgas zu ersetzen, importieren müsse – aus welchen Quellen und auf welchen Wegen auch immer, was die Klimabilanz von „grünem Wasserstoff“ immerhin deutlich beeinträchtigen könnte.

Akkus, seltene Erden und die ethischen Probleme einer klimaneutralen Gesellschaft

Der Blick auf Akkus wiederum legt auch aus Sicht von Sell die großen auch ethischen Probleme des Aufbaus von klimaneutralen Gesellschaften offen. Unternehmen, die CO2-neutral produzieren sind nur ein Teil davon. Für die Akkus nämlich werden bekanntermaßen seltene Erden gebraucht, die vor allem außerhalb Europas abgebaut werden. Von Menschen – oft auch sehr jungen und sehr alten –, die dafür schlicht und ergreifend ausgebeutet werden. „Es gibt auch seltene Erden, die in Europa gefördert werden können, aber das ist dann eben viel teurer, weil hier ganz andere Umweltschutzauflagen gelten“, sagt Sell. Deshalb wird das kaum gemacht. Eigentlich, sagt Sell, brauche man globale Mindeststandards zu deren Gewinnung; Mindeststandards, von denen man jedoch seit Jahren etwa aus der Textilindustrie oder Landwirtschaft weiß, dass sie ständig unterlaufen werden.

Erwartungen von Kunden und auch Endverbrauchern ist „große Triebfeder“

Kasper setzt dennoch auch darauf, dass vor allem auch die Erwartungen von Kunden und damit eben auch Endverbrauchern eine „große Triebfeder“ sein werden, um sein Unternehmen zur CO2-Neurtralität zu bringen. Die Kunden, sagt Kasper, erwarteten zunehmend, dass ihre Geschäftspartner möglichst grün produzierten. „So was katalysiert auch.“ Die kleinen Schritte hin zu mehr Klimaverträglichkeit gehe man inzwischen immer schneller. „Und wenn wir das Tempo weiter ziehen, dann ist das auch zu schaffen, denke ich.“

Das freilich provoziert die Frage, ob den Kunden wirklich bewusst ist, dass Klimaneutralität eigentlich nur mit zumindest einem bisschen Verzicht zu erreichen sein wird. Was die Frage ist, die Sell am meisten umtreibt und die er für völlig unterzureichend diskutiert hält. „Worüber wir gar nicht reden, ist, dass wir uns bescheiden müssen in unserem Lebensstil“, sagt er – und verweist beispielhaft auf einen vielfach gefeierten Pionier der Elektromobilität: den US-Autobauer Tesla, dessen Fahrzeuge heute regelmäßig mit mehr als 400 PS auf der Straße unterwegs sind und ähnlich schnell beschleunigen wie Sportwagen mit Verbrennungsmotoren. „Wer braucht so was? Wer baut so was? Wer kauft so was?“, fragt Sell. Elektroautos könne man auch sehr viel ressourcenschonender bauen. „Aber das ist überhaupt nicht auf dem Zettel.“

Ebenso wenig wie es reicht, bei HFP die Lampen auszutauschen, reicht es eben nicht, den Verbrenner durch den E-Motor zu ersetzen.

Auto: Von Sebastian Haak

Zehntausende Beschäftigte in energieintensiven Branchen

In Thüringen gehört ein nicht unerheblicher Teil der Wirtschaft zur sogenannten energieintensiven Industrie. Nach Daten des Landes-Wirtschaftsministeriums arbeiten etwa 23 Prozent der Industriebeschäftigten im Freistaat in den entsprechenden Unternehmen, die vor allem zur Glas- und Keramikindustrie gehören oder Gummi- und Kunststoffwaren herstellen. Auch in der chemischen Industrie, in der Papierindustrie und sowie in der Metallerzeugung und -bearbeitung gibt es allerdings viele energieintensive Unternehmen im Freistaat. „Auf diese Industriezweige entfallen knapp 40.000 Beschäftigte“, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. In diese Zahlen miteingerechnet sind aus statistischen Gründen nur Unternehmen, die mehr als 20 Beschäftigte haben.

Nach Einschätzung des Wirtschaftsministeriums können diese Industrien ihre Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und damit ihren Kohlendioxidausstoß durch die Elektrifizierung ihrer Produktionsprozesse beziehungsweisen den Einsatz von Wasserstoff reduzieren – wenn der dann eingesetzte Strom beziehungsweise Wasserstoff auf regenerative Weise gewonnen wird.

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