Was bedeutet die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) für eine Kaffeerösterei in Thüringen? Bei den Röstbrüdern in Weimar zeigt sich, welche Anforderungen Herkunftsnachweise und transparente Lieferketten für Unternehmen mit sich bringen – und welche Chancen darin liegen können.
Veranstaltungstipp: Am 7. September 2026 lädt die IHK Erfurt zum Kick-off des Thüringer EUDR-Dialogs ein.
Der LKW, der vorfährt, ist knallrot. Er hält nur ein paar Meter von der Eingangstür zu den Röstbrüdern entfernt. Der Fahrer lässt die Ladebordwand herunter und alles wirkt routiniert. Auf einer Palette liegen mehrere große Säcke, die mittels Hubwagen vor die Eingangstür in der Richard-Wagner-Straße gestellt werden. „Der kommt aus Kolumbien“, freut sich Daniel Rindermann.
Es ist Montag und damit einer der Liefertage bei der Kaffeerösterei in Weimar. Immer wieder fahren Laster vor und liefern Paletten mit Säcken an. Öffnet man den groben Stoff, hat der Inhalt nicht viel mit dem zu tun, was wir aus der Werbung kennen. Die Bohnen sind grün-gelblich, sie riechen eher sauer als verführerisch nach Kaffee.
Herkunft des Rohkaffees ©IHK Erfurt / Paul-Philipp Braun
Rohkaffee im Vergleich ©IHK Erfurt / Paul-Philipp Braun
Rohkaffee in der Rösterei ©IHK Erfurt / Paul-Philipp Braun
Erst hier in Weimar vollzieht sich der Übergang: Aus den rohen Bohnen, die erst vor Kurzem die Kaffeekirsche verlassen haben, wird der bekannte Ausgangspunkt für handgebrühten Filterkaffee, Espresso oder Flat White.
Die Röstbrüder gibt es seit 2020. Collin und Vincent Höckendorf gründeten das Unternehmen damals. Seit 2023 hat Daniel Rindermann Vincents Anteil übernommen, leitet als Inhaber und Geschäftsführer unter anderem die Unternehmensentwicklung und verantwortet die Expansion der Röstbrüder mit.
EU-Entwaldungsverordnung: eine neue Arbeitsgrundlage für die Kaffeebranche
Und wenn Daniel Rindermann spricht, kommt einem das eigene Kaffeewissen ganz klein vor. Begriffe wie Restfeuchte, Dry End oder First Crack bringt er scheinbar spielend miteinander in Einklang. Er ist ein Experte im Kaffee-Geschäft und auch in der Kaffee-Bereitung.
Mit wenigen Handgriffen verändert Daniel Rindermann den Geschmack einer ganzen Tasse Kaffee. Hat die erste Tasse eben noch honig-süßlich geschmeckt, bietet die zweite ein leicht säuerlich-fruchtiges Aroma. Dabei sind Bohne, Mahlgrad und Wassermenge identisch.
Kontrolle beim Kaffeerösten ©IHK Erfurt / Paul-Philipp Braun
Frisch geröstete Kaffeebohnen ©IHK Erfurt / Paul-Philipp Braun
Kaffee nach dem Rösten ©IHK Erfurt / Paul-Philipp Braun
Seit einiger Zeit hat sich Daniel Rindermanns Kaffee-Glossar erweitert: Der Begriff der EU-Entwaldungsverordnung, kurz EUDR und auf Englisch EU Deforestation Regulation, ist dazugekommen.
Im Frühjahr 2023 hatten das EU-Parlament und der Europäische Rat die Verordnung beschlossen. Ziel war und ist es, die lieferkettenbedingte Entwaldung für die Herstellung verschiedener Produkte einzugrenzen. Neben Palmöl, Kautschuk und Rindfleisch ist auch die Kaffeeproduktion davon betroffen.
Im Kern verlangt die EUDR von Daniel Rindermann und Collin Höckendorf, für jeden Sack Kaffee lückenlos nachzuweisen, auf welchem Grundstück die Bohnen gewachsen sind: mit exakten Geokoordinaten der Anbaufläche und nicht nur mit dem Namen der Kooperative. Zusätzlich muss belegt werden, dass auf diesen Flächen seit dem 31. Dezember 2020 kein Wald gerodet wurde.
Weiterführende Informationen: Lieferkettengesetz und nachhaltiges Lieferkettenmanagement bei der IHK Erfurt
EUDR: Guter Ansatz für Produzenten, Importeure und Röstereien
„Trotz enormen finanziellen und bürokratischen Aufwands sowohl für die Produzenten im Anbauland, die Importeure als auch für uns als Rösterei ist es ein guter Ansatz“, lobt Daniel Rindermann die Bestrebungen der Europäischen Union.
Und einer, der sich mit den Entwicklungen auf dem Markt deckt:
Die Kundinnen und Kunden wünschen sich immer mehr Transparenz zu den Produkten. Sie wollen bewusst konsumieren und wissen, wo der Kaffee herkommt und dass er umweltschonend angebaut wurde.
Daniel Rindermann, Inhaber und Geschäftsführer der Röstbrüder
Schon von Beginn an stehen die Röstbrüder für fair gehandelten Kaffee mit einer gut verfolgbaren Lieferkette. Zugleich beschäftigt die wachsende Bürokratie auch den Kaffee-Kaufmann. Eine Herausforderung, die die Röstbrüder aktuell noch nicht direkt trifft, perspektivisch aber auf sie zukommen könnte.
„Wir importieren derzeit nicht direkt, somit liegt es an unseren Zulieferern, die als Erstinverkehrbringer in der EU fungieren, die förmlichen Nachweise zu bringen“, sagt Daniel Rindermann.
Auch den Begriff des Erstinverkehrbringers hatte Rindermann erst lernen müssen. Gerade weil dieser für die EU-Verordnung so wichtig ist.
Ähnlich ging es auch Adrian Martynov. Er betreut das Enterprise Europe Network Thüringen (EEN) im Team International der IHK Erfurt und ist unter anderem Ansprechpartner für die Unternehmen im Kammerbezirk, die von der Entwaldungsverordnung betroffen sein werden.
Noch vor der Röstung stellt sich die Frage, woher der Kaffee kommt und unter welchen Bedingungen er angebaut wurde. ©IHK Erfurt / Paul-Philipp Braun
Am Ende der Liefer- und Verarbeitungskette steht der fertig zubereitete Kaffee. ©IHK Erfurt / Paul-Philipp Braun
Rohstoff und Unternehmen: Die Herkunft des Kaffees rückt durch die EUDR stärker in den Fokus. ©IHK Erfurt / Paul-Philipp Braun
EUDR in Thüringen: Betriebe fürchten bürokratischen Mehraufwand
„Die Verordnung trifft eine ganze Bandbreite an Unternehmen, aber der Kenntnisstand dazu ist sehr unterschiedlich“, sagt Adrian Martynov. Während einige Betriebe sich noch gar nicht mit der beschlossenen EU-Gesetzgebung beschäftigt hätten, würden andere bereits vorbauen.
„Viele unserer Mitgliedsbetriebe fürchten insbesondere den enormen bürokratischen Mehraufwand, den die Nachweise mit sich bringen“, so Martynov.
Für die Röstbrüder selbst wird die EU-Entwaldungsverordnung eher mittelfristig relevant. Derzeit expandieren sie von der kleinen Rösterei in der Weimarer Richard-Wagner-Straße zu einem größeren Produktionsgebäude in Jena. Dann wollen sie auch ihre Röstmenge von 17 Tonnen pro Jahr steigern.
Perspektivisch könnten sich Daniel Rindermann und Collin Höckendorf vorstellen, selbst Kaffee zu importieren. Auf den anstehenden Aufwand sind sie vorbereitet.
Fragen zur EUDR? Beim Thüringer EUDR-Dialog bringt die IHK Erfurt Unternehmen und Fachleute zusammen, um praktische Umsetzungsfragen zu klären.
EUDR-Netzwerk Thüringen: Austausch zu Sorgfalts- und Nachweispflichten
Am 7. September sprechen die Röstbrüder im Rahmen des Kick-offs des EUDR-Netzwerks Thüringen unter anderem über Sorgfalts-, Dokumentations- und Nachweispflichten, aber auch über die Auswirkungen des EU-Acts auf die Thüringer Wirtschaft und die eigenen Erfahrungen.
Das Netzwerk soll perspektivisch eine Hilfe zur Selbsthilfe ermöglichen und die Unternehmen in den Austausch zu Lösungsmöglichkeiten für die Herausforderungen der neuen Anforderungen bringen.
„Wir haben beim CO₂-Grenzausgleichssystem der EU, kurz CBAM, schon sehr gute Erfahrungen mit einer solchen Herangehensweise gemacht“, sagt Adrian Martynov.
An dem Auftakttreffen im September werden unter anderem Referentinnen und Referenten der DIHK, vom Helpdesk Wirtschaft und Menschenrechte sowie ein auf EU-Verordnungen in der Wirtschaft spezialisierter Rechtsanwalt teilnehmen.
Jetzt vormerken: Am 7. September 2026 startet der Thüringer EUDR-Dialog der IHK Erfurt. Unternehmen erhalten praxisnahe Einblicke, können Fragen diskutieren und sich mit Fachleuten sowie anderen Betrieben vernetzen.
Text und Fotos: Paul-Philipp Braun
Redaktion & Veröffentlichung: Randi Hofmann (IHK Erfurt)
FAQ zur EU-Entwaldungsverordnung (EUDR)
Was ist die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR)? Die EU-Entwaldungsverordnung, kurz EUDR, soll sicherstellen, dass bestimmte Rohstoffe und Produkte nicht mit Entwaldung oder Waldschädigung in Verbindung stehen.
Welche Unternehmen sind von der EUDR betroffen? Betroffen sein können Unternehmen, die unter anderem mit Kaffee, Kakao, Holz, Kautschuk, Palmöl, Soja oder Rindern sowie daraus hergestellten Produkten handeln oder diese verarbeiten.
Welche Herausforderungen bringt die EUDR für Unternehmen mit sich? Je nach Rolle in der Lieferkette müssen Unternehmen unter anderem Herkunftsinformationen prüfen, Geodaten vorhalten und Sorgfalts- sowie Nachweispflichten erfüllen.
Wie unterstützt die IHK Erfurt Unternehmen bei der EU-Entwaldungsverordnung? Die IHK Erfurt informiert über neue Anforderungen, gibt Orientierung für die betriebliche Praxis und bringt Unternehmen mit Fachleuten und passenden Ansprechpersonen zusammen.
Welchen Mehrwert bietet das EUDR-Netzwerk Thüringen für Unternehmen? Das Netzwerk ermöglicht Unternehmen, Erfahrungen auszutauschen, offene Fragen zu klären und gemeinsam praktikable Lösungen für die Umsetzung der EUDR zu entwickeln.