Die Ohra Energie aus Fröttstädt setzt seit 2018 konsequent auf Krisenmanagement, mit eigener mobiler Gasdruckregelanlage und einer regionalen Kooperation mit Stadtwerken und dem Technischen Hilfswerk (THW). Über seine Tochter EDW Energiedienste gibt das Unternehmen sein Resilienz-Know-how heute an Stadtwerke und Unternehmen in ganz Deutschland weiter.
Die Energieversorgung in Deutschland ist sicher. Was wie eine Aussage der Politik klingt, lässt sich durch Studien wie den World Energie Trilemma Indexdes Weltenergierats bestätigen. Unter den 127 untersuchten Ländern steht die Bundesrepublik auf einem sehr guten siebten Platz – eine Position, die sie bereits im Vorjahr innehatte. Dass die Versorgung mit Wärme und Strom in Deutschland so sicher ist, liegt unter anderem an der gut ausgebauten Netzinfrastruktur, der tiefen europäischen Netzintegration und den hohen gesetzlichen Speicher- und Reserveverpflichtungen.
Dennoch kann es in Zeiten internationaler Krisen auch in Deutschland bisweilen zu Herausforderungen für Energieversorger und Netzbetreiber kommen. Der flächendeckende Stromausfall in Berlin Anfang 2026 hat dies erst wieder gezeigt. Extremereignisse wie das Hochwasser im Ahrtal 2021 oder Waldbrände sorgen ebenso für einen spürbaren Anstieg im Zivilschutz- und Katastrophenschutzbereich. Auch immer mehr Wirtschaftsunternehmen reagieren auf diese Veränderungen. Laut einer Untersuchung der Freien Universität Berlin und der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg schätzen viele deutsche Unternehmen Cyberangriffe, IT-Ausfälle und Extremwetterereignisse als existenzbedrohend ein.
Ohra Energie: Vom Gasversorger zum regionalen Energiedienstleister
Gut beraten ist daher, wer sich auf solche Themen vorbereitet. Energieversorger machen dies schon länger. Die Ohra Energie aus Fröttstädt im Landkreis Gotha gehört dazu. So sagt Geschäftsführer Michael Fischer: „Wir kommen immer mehr in einen Denkprozess, der sich mit unserer eigenen Resilienz auseinandersetzt.“ 1991 wurde die Ohra Energie als Ohra Hörselgas gegründet. Damals noch mit dem Fokus auf die Gasversorgung und ein eigenes Gasnetz. Das habe sich inzwischen geändert, sagt Fischer: „Seit 2012 haben wir auch einen eigenen Stromvertrieb, zugleich richten wir uns immer stärker auf Wärmelösungen für unsere Kunden aus.“ Das hat sich auch im Namen niedergeschlagen, welcher ab dann Ohra Energie lautete. Nebenbei spiele auch das Contractor-Geschäft eine wichtige Rolle. Dabei baut ein Energieversorger Wärme-, Kälte- oder Stromerzeugungsanlagen beim Kunden auf eigene Kosten und betreibt sie über Jahre hinweg. Der Kunde betreibt die Anlage also nicht selbst, sondern bezieht nur die Energie bzw. Leistung. 100 Kundinnen und Kunden nutzen die Angebote der Ohra Energie derzeit, sagt Fischer.
Michael Fischer © IHK Erfurt / Paul-Philipp Braun
Einen weiteren Schwerpunkt setzt das Unternehmen in der kommunalen Wärmeplanung. Die 13 Städte und Gemeinden, welche Anteile an dem Westthüringer Unternehmen halten, profitieren gern von der Expertise des lokalen Anbieters. Mit einem Versorgungsgebiet von 843 Quadratkilometern befindet sich die Ohra Energie im Mittelfeld der Thüringer Energieunternehmen. „Unser Gebiet reicht von Ruhla bis nach Friedrichswerth und von der Gemeinde Drei Gleichen bis nach Herleshausen an der hessischen Grenze“, sagt Michael Fischer.
Resilienz und Krisenmanagement seit 2018
Doch zurück zum Thema Resilienz. Das Wort, welches spätestens mit der Corona-Pandemie in den alltäglichen Sprachgebrauch vieler Menschen Einzug hielt, ist auch für einen regionalen Energieversorger von immer größerer Wichtigkeit. Für Volkmar Braune, Technischer Leiter und Prokurist bei der Ohra Energie nimmt Resilienz eine essentielle Rolle ein: „Es ist für uns die Grundlage, um vorbereitet zu sein.“ Seit 2018 bereitet sich die Ohra Energie mit einem aktiven Krisenmanagement gezielt auf Ausnahmesituationen und Notfälle vor. In der Zwischenzeit ist viel geschehen. Eine Pandemie, der russische Überfall auf die Ukraine und der Krieg der USA und Israels gegen den Iran – inklusive Schließung der wichtigen Gas- und Öl-Transportroute in der Straße von Hormus – halten die Welt in Atem. „Als wir angefangen haben, uns auf Extremsituationen vorzubereiten, konnten wir noch nicht ahnen, was da alles auf uns zukommt“, sagt Volkmar Braune. Neben Übungen des Krisenstabs ist auch eine besondere Anschaffung mit der Resilienz des Unternehmens verbunden: eine mobile Gasdruckregel- und -messanlage.
Mobile Gasdruckregelanlage: Hightech im Anhänger
Was aussieht wie ein Volksfest-Bierwagen, der an einen Transporter angehangen wird, ist in Wahrheit ein Wunder der Technik Marke Eigenbau. Darin befindet sich alles, was im Fall eines Gasnetz-Ausfalls benötigt wird, um mögliche Druckausfälle und gefährliche Überdrücke in den Rohrsystemen kompensieren zu können. Für Mario Stötzer, Leiter Netzbetrieb, stellte sich beim Aufbau des Anhängers die Frage „Was könnte uns erwarten?“. Auf dieser Grundlage hat das Unternehmen zusammen mit einem Berliner und einem Thüringer Unternehmen seinen Anhänger geplant und gebaut. „Inzwischen verleihen wir unsere Technik sogar, wenn es irgendwo in Deutschland ein Problem gibt“, sagt Stötzer und berichtet, dass die Notfall-Technik aus dem Landkreis Gotha auch beim Januar-Stromausfall in Berlin zum Einsatz kam.
Das Unternehmen Ohra Energie setzt auf eine mobile Gasdruckregelanlage © IHK Erfurt / Paul-Philipp Braun
Details der mobilen Gasdruckregelanlage © IHK Erfurt / Paul-Philipp Braun
Details der mobilen Gasdruckregelanlage © IHK Erfurt / Paul-Philipp Braun
Regionale Kooperation mit Stadtwerken und THW
Die mobile Anlage ist dabei nicht nur eine Eigenanschaffung, sondern Teil einer abgestimmten Arbeitsteilung in der Region. „Im Rahmen unserer Kooperation mit den benachbarten Energieversorgern haben wir überlegt, welches Unternehmen welche Rolle einnehmen kann“, sagt Volkmar Braune. Als Gasversorgungsunternehmen ohne eigenes Stromnetz habe die Ohra Energie den Schwerpunkt auf das Medium Gas gelegt, daher die mobile Gasdruckregelanlage. Partner wie die Eisenacher Versorgungsbetriebe und die Werra Energie konzentrieren sich dagegen auf Ersatzanlagen im Strombereich. Im Krisenfall unterstützen sich die Unternehmen mit dem jeweils angeschafften Equipment gegenseitig. Hinzu kommt eine Vereinbarung mit dem Technischen Hilfswerk (THW) zur Unterstützung und zum Ausbau der jeweils eigenen Fähigkeiten.
EDW Energiedienste: Krisenvorsorge für Stadtwerke und KMU
Neben der technischen Vorbereitung ist allerdings auch das Thema Kommunikation und Planung ein wichtiges – besonders dann, wenn unvorhergesehene Ereignisse eintreten. Auch in dieser Hinsicht ist die Ohra Energie vorbereitet. Mehr noch: Sie bietet ihre Dienste auch anderen Energieversorgern und Stadtwerken an. Schon 2013 gründete das Unternehmen die EDW Energiedienste GmbH, deren Geschäftsführer Herr Braune ist. Ursprünglich sei die Idee gewesen, eine Beratungsgesellschaft aufzubauen, die Dienstleistungen für die drei Kooperationspartner erbringt, erklärt Projektmanagerin Juliane Fleischer. Im Laufe der Jahre habe sich die Zusammenarbeit kontinuierlich weiterentwickelt und neue Aufgabenfelder wurden erschlossen. Die EDW versteht sich heute als Plattform für die Zusammenarbeit kleiner und mittelständischer Unternehmen und arbeitet in zwei Geschäftsfeldern: Zum einen steuert sie Kooperationsnetzwerke zu unterschiedlichen Zukunftsthemen und arbeitet dabei eng mit der Unternehmensberatung Energieforen Leipzig zusammen. In Netzwerken beschäftigen sich die beteiligten Unternehmen aktuell mit dem Einstieg von KMU in Künstliche Intelligenz, der erfolgreichen Gestaltung und Umsetzung der Wärmewende sowie mit den Herausforderungen rund um regulatorische Anforderungen. Zum anderen bietet die EDW individuelle Beratungsleistungen im Notfall- und Krisenmanagement an.
Juliane Fleischer und Volkmar Braune © IHK Erfurt / Paul-Philipp Braun
Krisenübungen und Notfallpläne für Unternehmen
Juliane Fleischer ist die zuständige Beraterin und Projektmanagerin der EDW und hat, wie sie selbst sagt, „eine Energie-DNA“. Nach beruflichen Stationen bei einem deutschen Energiekonzern hat sich Fleischer vor gut zehn Jahren entschieden, für kleinere und mittlere Stadtwerke und Energieunternehmen zu arbeiten. Durch die EDW konnte sie ihr langjährig gesammeltes Wissen an andere weitergeben und sich selbst auch weiterbilden: „Inzwischen liegt unser Fokus vor allem auf der Beratung für das Thema Krisenvorsorge. Wir schulen Krisenstäbe, bieten zum Beispiel Stabsübungen an, entwickeln zusammen mit unseren Kunden Notfallpläne und bereiten Auftraggeber auf Medienarbeit im Krisenfall vor.“ Um Unternehmen in diesem Bereich gut begleiten zu können, absolvierte sie zusätzlich eine Fortbildung zur Notfall- und Krisenmanagerin bei der Deutschen Gesellschaft für Krisenmanagement e.V.
Beratung speziell für kleinere Unternehmen
Die Kunden stammen dabei längst nicht mehr nur aus Thüringen: Auch Unternehmen aus ganz Mitteldeutschland sowie aus Niedersachsen und dem Saarland zählen inzwischen zum Kundenkreis der EDW. „Gerade der Bedarf der kleineren Energieunternehmen an guten Schulungen, Seminaren und Krisenübungen ist riesig. Im Unterschied zu großen Beratungen sind wir auf die Bedarfe kleiner Unternehmen spezialisiert und entwickeln dafür passgenaue Lösungen. Bei einer Zusammenarbeit mit mehreren Stadtwerken entsteht zudem ein Kostenvorteil, da die Beratung gemeinsam genutzt wird. Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Herausforderungen passt das gut zusammen“, sagt Juliane Fleischer. Zugleich sei es ihr auch ein persönliches Anliegen, das Thema der Versorgungssicherheit mit Strom und Gas auf die Tagesordnung vieler Unternehmen zu bringen: „Es geht im Zweifel um Menschenleben und darauf müssen wir alle vorbereitet sein.“
Text, Fotos & Videos: Paul-Philipp Braun
Bearbeitung & Redaktion: Sophia Schrock