Beim Europäischen Parlament der Unternehmen in Brüssel fordern Unternehmer aus ganz Europa eine Trendwende: weniger Bürokratie, mehr Freihandel und Wettbewerbsfähigkeit – damit Europas Wirtschaft im globalen Wettbewerb nicht weiter zurückfällt.
Für knapp 700 Unternehmerinnen und Unternehmer hieß es am 4. November: raus aus dem Alltag und rein ins Europaparlament. Als Mitglieder des Europäischen Parlaments der Unternehmen – auch EPdU genannt – konnten sie für einen Tag den Platz von Europaabgeordneten einnehmen. Von der Wortmeldung bis zur Abstimmung stellt das EPdU alle zwei Jahre eine Plenarsitzung nach, an der Unternehmerinnen und Unternehmer aus ganz Europa teilnehmen. Organisiert wird das Format vom europäischen Kammerdachverband Eurochambres – in Kooperation mit den nationalen Mitgliedskammern wie der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK).
Wie üblich stellte Deutschland die größte Unternehmerdelegation: Knapp 90 Unternehmerinnen und Unternehmer – darunter Mitglieder der IHKs, der HWKs und der Wirtschaftsjunioren – reisten nach Brüssel. Mit dabei aus dem Kammerbezirk der IHK Erfurt waren Sven Kirchner (Geschäftsführer der MKT GmbH) und Mareike Hilke (Geschäftsführerin der Schließ- und Sicherungssysteme GmbH).
Das EU-Parlament sollte den Unternehmen richtig zuhören und das Treffen der Europäischen Unternehmen sollte nicht nur aller zwei Jahre stattfinden. Die EU sollte sich viel mehr mit den Unternehmen über ihre realen Probleme unterhalten.
Mareike Hilke – Geschäftsführerin bei Schliess- und Sicherungssysteme GmbH
In drei thematischen Sitzungen machten die Wortbeiträge und die Abstimmungen deutlich, dass sich der wirtschaftspolitische Kurs der EU dringend ändern muss. So sprachen sich die teilnehmenden Unternehmen für mehr Freihandelsabkommen aus, um die Diversifizierung der Lieferketten zu erleichtern. DIHK-Präsident Peter Adrian betonte unter anderem die Bedeutung des EU-Mercosur-Abkommens. 77 Prozent der Unternehmen gaben an, aufgrund der geopolitischen Spannungen zusätzliche Engpässe in den Lieferketten zu spüren. Tatsächlich fühlt sich eine Mehrheit der Unternehmen nicht ausreichend von der EU unterstützt, um geopolitische Risiken auszugleichen – etwa durch neue Freihandelsabkommen. Gleichzeitig forderten 95 Prozent mehr Pragmatismus beim Abschluss von Partnerschaften mit Drittstaaten.
DIHK-Präsident Peter Adrian © DIHK/Zacaria Garcia
Kurswechsel gefordert: Mehr Freihandel, ein starker Binnenmarkt und weniger Bürokratie
Die deutsche Eurochambres-Vizepräsidentin Sibylle Thierer mahnte den dringend benötigten Abbau von Hürden im Binnenmarkt an. Mehr als vier von fünf anwesenden Unternehmen gaben an, nicht frei innerhalb der EU agieren zu können, da weiterhin viele Hemmnisse bestünden. Eine Lösung sehen 84 Prozent der Unternehmer darin, Verstöße gegen Binnenmarktvorschriften effektiver zu ahnden.
Sibylle Thierer © European Parliament of Enterprises 2025
Zwischen den einzelnen Ländern gibt es Hürden in der Anerkennung von Berufsabschlüssen der Mitarbeiter. Das war für viele Unternehmer ein Thema das zu vereinfachen, zu erleichtern und die Anerkennung schneller zu realisieren.
Sven Kirchner – Geschäftsführer bei MKT GmbH
Bürokratieabbau bleibt Ankündigung – Unternehmen fordern weniger Last und mehr Vertrauen
Sehr deutlich wurde beim EPdU, dass der von der EU-Kommission angekündigte Bürokratieabbau noch nicht im Alltag der Betriebe spürbar ist. So gaben 93 Prozent der Unternehmen an, dass sich der Verwaltungsaufwand im letzten Jahr für sie nicht verringert habe. Für Drei Viertel der Unternehmerinnen und Unternehmer ist zum Beispiel die Nachhaltigkeitsberichterstattung unverhältnismäßig: Sie sei kein wirksames Instrument, um gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und die Nachhaltigkeit zu fördern. André Grobien, Präses der Handelskammer Bremen für Bremen und Bremerhaven, appellierte daher an die europäische Politik, mehr Vertrauen in die Wirtschaft zu wagen, denn beim Abbau von Bürokratie sei Vertrauen die halbe Miete.
André Grobien © European Parliament of Enterprises 2025
Fachkräfteengpässe, Energiepreise, geopolitische Risiken: Unternehmen unter Druck – EPdU-Votum als Auftrag an die EU-Politik
Insgesamt sehen sich die Unternehmen mit großen Herausforderungen konfrontiert: Zum einen ist es für mehr als 80 Prozent schwieriger geworden, die richtigen Fachkräfte zu rekrutieren. Zum anderen erschweren es für 96 Prozent die hohen Energiekosten, wettbewerbsfähig zu bleiben und in einen nachhaltigen Übergang zu investieren.
Die Abstimmungsergebnisse der teilnehmenden Unternehmerinnen und Unternehmer machen deutlich, dass die versprochene Steigerung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit im Unternehmensalltag noch nicht angekommen ist. Dagegen sind die geopolitischen Veränderungen und die bürokratischen Auflagen für die Mehrheit der Unternehmen eine deutliche Beeinträchtigung. Umso dringlicher ist, dass das Votum des EPdU von EU-Politikentscheidern ernst genommen und umgesetzt wird.
Text: DIHK
Videoschnitt: Benjamin Voßler (Kommunikation und Interessenvertretung – IHK Erfurt)
Bearbeitung & Redaktion: Benjamin Voßler (Kommunikation und Interessenvertretung – IHK Erfurt)
Grafische Darstellung mit IHK Erfurt und WiMa | © IHK Erfurt