Zukunft der Thüringer Gastronomie steht auf dem Spiel

©Hotel der Lindenhof/Fotograf: Bernd Seydel. Olaf Seibicke, Geschäftsführer Hotel Der Lindenhof, Gotha.
Portrait Olaf Seibicke
Warum sollte ich diesen Artikel lesen?
  • Die anhaltende und sich nun wieder zuspitzende Pandemie zwingt viele Gastronomie-unternehmen in die Knie.
  • Der Hotelier Olaf Seibicke, Geschäftsführer Hotel Der Lindenhof aus Gotha reflektiert die politischen Entscheidungen zur Bewältigung der Pandemie und zeichnet ein Bild der aktuellen Situation in der Branche.

Seit zwei Jahren kämpfen Hotels und Gaststätten, neben anderen Branchen, um ihr wirtschaftliches Überleben. Die anhaltenden und sich nun wieder zuspitzende Pandemielage zwingt viele Unternehmen der Branche in die Knie. Wir haben mit einem regionalen Hotelier in Gotha gesprochen. Olaf Seibicke, Geschäftsführer Hotel Der Lindenhof, schildert uns die aktuelle und zu erwartende Lage der Branche und reflektiert die politischen Entscheidungen zur Bewältigung der Pandemie.

Ihre Branche wird seit zwei Jahren als Pandemietreiber bewertet, als Gefahr für Ansteckung, Ausbreitung – als Risiko für das Leben. Wie beurteilen Sie den Stellenwert Ihrer Branche im Pandemiegeschehen?

Olaf Seibicke: Den fundierten Nachweis für diese Stigmatisierung ist die Politik uns schuldig geblieben. Wahrscheinlich sind die Abstände in unseren Restaurants doppelt so groß, wie bei politischen Diskussionen und um ein Vielfaches höher als in Straßenbahnen oder Supermärkten. In der Pandemie wurden wir ein Spielball für politische Entscheidungen.

Worin sehen Sie die ungleiche oder auch falsche Betrachtung und Behandlung der Politik?

Olaf Seibicke: Einschränkungen des öffentlichen Lebens beginnen immer mit Einschränkungen des Reiseradius, der Möglichkeit der Begegnung oder des kulturellen Austausches. Corona belastet jeden von uns. Dennoch ist es ein signifikanter Unterschied, ob man in seiner Existenz bedroht ist, seine Altersvorsorge oder sein berufliches Lebenswerk verliert oder ob jemand in seiner Bequemlichkeit eingeschränkt ist und nicht ins Kino darf. Die unterschiedliche Betrachtung findet in der politischen Argumentation selten Berücksichtigung.  Die Politik redet oft von DER Gastronomie. Selten geht es um die Menschen, die darin arbeiten. Dabei sind sie eine der personalintensivsten Branche. Gern möchte ich den Fokus auf die Menschen lenken, die für uns arbeiten. Menschen die für Sie da sind. An 365 Tagen sind wir rund um die Uhr Anbieter von gesundem Essen, Seelentröster und Begegnungsstätte in einem. Eine Gaststätte ist ein Ort der sozialen Befriedung und eines Lebensgefühls.

Sie lenken die Aufmerksamkeit oft auf die Wertschätzung Ihrer Belegschaft. Was macht die Situation mit Ihnen und Ihren Mitarbeitern?

Olaf Seibicke: In meiner Branche arbeiten überwiegend Frauen. Oft jene, die versuchen Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen und teilweise mehrere Minijobs annehmen. Frauen, die sich nicht in die soziale Hängematte des Staates legen, sondern voller Stolz selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen wollen. Vielen dieser fleißigen und für uns so wichtigen Menschen wird in den nächsten Monaten nichts übrigbleiben als unsere Branche zu verlassen. Die Altenheime und Supermärkte freuen sich schon. Gut ausgebildete und belastbare Mitarbeiter zum günstigen Tarif.

Sie sprechen von den geringen Löhnen in der Gastronomie. Ist dafür nicht auch die Branche verantwortlich?

Olaf Seibicke: Ja, hier ist Selbstkritik mehr als angebracht. Unsere Branche hat beim Thema Lohnkosten in den letzten 40 Jahren versagt. Wir haben immer die Wünsche der Gäste im Blick gehabt. Qualitäts- und Leistungssteigerung erfolgten auf dem Rücken der Mitarbeiter. Das war Mist und ja, dafür werden wir jetzt doppelt bestraft. Wir werden unsere Hausaufgaben machen. Die Kollegen, die das nicht erkennen, werden zurecht in den nächsten Jahren vom Markt verschwinden oder die Leistungen unserer Branche der Digitalisierung und neuen automatischen Prozessen zuführen. Meine Philosophie ist das nicht. Das meine Kollegen aufgrund des Kurzarbeitergeldes unterhalb des Mindestlohnes liegen ist beschämend. 60 Prozent von wenig, ist verdammt wenig. Deshalb stocken wir das Kurzarbeitergeld jetzt für unsere Mitarbeiter auf 90 Prozent auf.

Wir befürchten, dass vor allem im ländlichen Raum viele Gaststätten schließen werden. Welche Auswirkungen hat das auf unseren Tourismusstandort Thüringen?

Olaf Seibicke: Das befürchte ich auch. Und damit gehen Traditionen, Omas Rezepte und Lebensqualität verloren. Touristische Strukturen werden ersatzlos verschwinden. Strukturstarke Bundesländer werden das wahrscheinlich wegstecken. Thüringen hatte bereits vor Corona einen Innovationsstau im Tourismus. Unsere Leistungsfähigkeit als Branche wird uns sicher nach Corona weit zurückwerfen beim Werben um die Gäste.

Was kann die Branche tun, um sich nach der Pandemie zukunftsfähig aufzustellen?

Olaf Seibicke: Ich schlage vor, dass sich die Touristiker und Gastronomen zu einem motivierenden und vor allem kreativen Austausch gemeinsam beraten. Hier könnte eine große Tagung auf der Messe, mit motivierenden Fachvorträgen, Diskussionen und Raum für Gespräche zu einem Booster in der Branche führen.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Olaf Seibicke: Ich wünsche mir von den Politikern, dass sie unserer Branche Mut machen, dass sie uns eine Perspektive aufzeigen. Das ist die Politik den über zwei Millionen Mitarbeitern der Hotel- und Gastronomiebranche, die auch Sie als ihre Volksvertreter gewählt haben, schuldig!

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