Spontaner Funke am Küchentisch: Wie Isabella Cardenas zur Unternehmens­nachfolgerin wurde

Isabella Cardenas und Mandy Zirk (v.l.) im Gespräch Foto: Paul-Philipp Braun
Zwei Frauen sitzen sich in Sesseln gegenüber und führen ein Gespräch in einer Interview- oder Talk-Situation; zwischen ihnen steht ein kleiner Tisch, links im Bild ein IHK-Würfel mit der Aufschrift „Wirtschaft. Für Thüringen. Für Zukunft.“
Warum sollte ich diesen Artikel lesen?
  • Sie erfahren, wie eine intime Unterhaltung am Küchentisch den Ausschlag für eine familieninterne Unternehmensnachfolge gab und was sich daraus entwickelt hat.

  • Der Artikel zeigt, wie internationale Konzern­erfahrung und nüchterne Prozessanalyse ein mittelständisches Familien­unternehmen nach vorn bringen können.

  • Sie bekommen Einblicke, warum Austausch im Netzwerk und Angebote der IHK für Nachfolgerinnen unverzichtbar sind und wie Sie selbst davon profitieren können.

Isabella Cardenas ist seit dem 1. Januar 2024 Geschäftsführerin bei Witzki & Grimm GmbH. 30 Jahre lang haben ihre Eltern das Unternehmen geführt. Eigentlich war es nicht ihr Traum, das Unternehmen eines Tages zu übernehmen. In einem ruhigen Moment am Küchentisch mit ihrer Mutter kam dann der Sinneswandel. Im Gespräch mit Projektleiterin Mandy Zirk vom Kammernetzwerk Unternehmensnachfolge, berichtet Isabella Cardenas wie die Übernahme gelang und sie ihre eigene Vision in’s Unternehmen bringen konnte.

Unternehmensnachfolge ist oft das Ergebnis jahrelanger Planung. Bei Isabella Cardenas war es anders: „Es war eine Bierlaunen-Entscheidung“, erzählt die 41-jährige heute mit einem schelmischen Lachen. Im Winter 2023 saß sie in der Küche ihrer Mutter, als der Funke übersprang. Eigentlich hatte sie mit Mitte 20 klar abgesagt, den ihren Eltern aufgebauten Großhandel für Reinigungs- und Hygienemittel Witzki & Grimm zu übernehmen. Und bei jeder erneuten Nachfrage auch wieder verdeutlicht, dass es nicht ihre Absicht sei zu übernehmen. Doch nach 13 Jahren Konzernkarriere spürt sie, dass sie sich beruflich verändern wollte. Gleichzeitig steckte das Unternehmen ihrer Eltern in einem Engpass; nach mehr als drei Jahrzehnten fehlten Kraft und Ideen für den nächsten Schritt. „Da lag es plötzlich auf der Hand zu sagen: Okay, dann mach ich das jetzt“, erinnert sich Cardenas.

Isabella Cardenas ist überzeugt: Eine gute Nachfolge braucht Mut zur Veränderung – und einen klaren Blick auf das, was war.

Isabella Cardenas - Porträt einer Frau mit langen rötlich-blonden Haaren in einem hellen Flurgebäude, sie trägt einen dunklen Blazer und lächelt in die Kamera.
Die Unternehmerin Isabella Cardenas Foto: Paul-Philipp Braun

Spontaner Wechsel: vom Nein zum „Jetzt erst recht“

Für viele klingt eine Übergabe innerhalb der Familie selbstverständlich. Für Isabella Cardenas war der Weg kein gerader. Als junge Frau schloss sie eine Rückkehr in den Betrieb kategorisch aus. Erst die Kombination aus persönlicher Veränderung und der Suche ihrer Eltern nach einer Lösung brachte sie dazu, neu zu denken. „Es war wie ein Funke, der übergesprungen ist“, erinnert sie sich. Am Küchentisch mit ihrer Mutter entstand in Sekunden eine Entscheidung die ihr Leben veränderte. Entscheidend war nicht nur das Pflichtgefühl, sondern auch die Chance, etwas eigenes zu gestalten. In Thüringen gibt es zahlreiche solcher Fälle, doch nur wenige verlaufen so spontan.

Internationale Karriere als Fundament

Cardenas studierte Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Handel und ging zunächst ins Ausland. Ein französischer Arbeitgeber wurde in einen internationalen Konzern integriert, und so pendelte sie zwischen Brüssel und Portugal. Sechs Jahre lang war sie im Vertrieb unterwegs, baute interkulturelle Kompetenzen auf und entdeckte, wie wichtig klare Strukturen und Kommunikationen sind. „Diese Erfahrungen kann mir niemand mehr nehmen. Sie helfen mir heute, unser Unternehmen weiterzuentwickeln“ sagt sie. Dass sie Verantwortung übernehmen kann, hat sie in ihren 13 Jahren im Konzern bewiesen.

In den Betrieb hineinhören

Die ersten Wochen als Nachfolgerin waren geprägt von Beobachtung statt Aktion. „Ich wollte erstmal ruhig bleiben und mir drei Monate lang alles anschauen“, erzählt sie. Fast wie eine Auszubildende stieg sie in alle Abteilungen ein, stellte Fragen und hörte zu. Dieses Eintauchen zeigte schnell, wo es hakte: Redundanzen in Abläufen, mangelnde Digitalisierung, fehlende interne Kommunikation. „Ich hatte das Gefühl, das Schiff wird nicht mehr gesteuert“, beschreibt sie den Zustand. Für Isabella Cardenas war klar: ohne Strategie und klare Prozesse droht Stillstand.

Prozesse hinterfragen – und die Kultur verändern

Die junge Geschäftsführerin analysiert sorgfältig, welche Aufgaben doppelt erledigt wurden oder warum Informationen verloren gingen. Viele Routinen waren über Jahrzehnte gewachsen, manche Mitarbeiter erledigten Aufgaben „auf dem Flur“. Isabella Cardenas setzte auf Struktur: Prozesse wurden beschrieben, Kommunikationswege definiert und digitale Lösungen eingeführt. Das bedeutete auch, unbequeme Entscheidungen zu treffen und lieb gewonnene Gewohnheiten zu ändern. „Es braucht jemanden, der sagt, wo wir strategisch hinwollen und wie wir das angehen“, betont sie. Für die Belegschaft war das ungewohnt, doch sie erkannte: Mit klaren Abläufen steigt die Effizienz.

Emotionen und Generationen verbinden

Unternehmensnachfolge ist nie nur ein sachlicher Vorgang. „Die emotionale Komponente ist fast die schwierigste“, sagt Isabella Cardenas. Ihre Eltern haben das Unternehmen nach der Wende gegründet und als ihr Lebenswerk aufgebaut. Respekt vor dieser Leistung ist ihr wichtig. Gleichzeitig hat sie eine Vision für die Zukunft. „Ich habe nicht immer erkannt, was meine Eltern geleistet haben, weil der Veränderungswunsch groß war“, gesteht sie offen. Auch die Mitarbeitenden, von denen manche sie als Kind kennen, mussten sich an die neue Rolle gewöhnen. Cardenas versucht, sie in Entscheidungen einzubeziehen und Verantwortung zu teilen. Dennoch sei es „ein Spagat zwischen Vision und emotionalem Erbe“.

Netzwerken als Schlüssel

Im ersten Jahr arbeitete Cardenas vor allem im eigenen Betrieb. „Ich war im Rabbit Hole und wollte Ergebnisse liefern“, erzählt sie. Doch bald spürte sie, dass ihr der Austausch mit Gleichgesinnten fehlte. Der IHK-Unternehmerinnentag 2025 brachte die Wende. „Dort habe ich gemerkt, ich bin nicht allein, es gibt viele spannende Menschen, die mich unterstützen können“, sagt sie. Es folgten Veranstaltungen wie Nachfolge ist weiblich und das Cross-Lab der Thüringer Agentur für Kreativwirtschaft. Beim Cross-Lab traf sie Daniela Hühn von Menü Mobil, erkannte sofort Synergien und vermittelte ihr Zugang zu eigenen Kunden. Dieses Geben und Nehmen stärkte ihr Netzwerk und ihr Selbstbewusstsein.

Die IHK Erfurt bietet mit dem Nachfolge-Club und der nexxt-change Unternehmensbörse Struktur und Kontakte für potenzielle Nachfolger. Fachveranstaltungen, persönliche Beratung und der Austausch mit Experten erleichtern es, die Nachfolge zu planen und erfolgreich umzusetzen. Isabella Cardenas nutzt diese Angebote intensiv. „Netzwerken ist das A und O“, betont sie. Wer sich öffnet und anderen hilft, profitiert doppelt – als Unternehmer und Mensch.

Die Roadshow

Am 12. März 2026 hat die Roadshow des Kammernetzwerkes Unternehmensnachfolge in Thüringen gestartet. Isabella Cardenas saß auf der Bühne und hat über ihren Weg berichten. Als Vorbild für viele Nachfolgerinnen und Nachfolger möchte sie andere ermutigen: „Man muss nicht alles allein machen. Es gibt ein starkes Netzwerk, und man darf sich trauen, auch mal spontan ja zu sagen.“

Wer selbst eine Unternehmensnachfolge plant oder sich informieren möchte, findet bei der IHK Erfurt den richtigen Ansprechpartner. Die Experten der Kammer begleiten sowohl Übergebende als auch Übernehmende – von der ersten Idee bis zur Umsetzung. Weitere Informationen gibt es im Nachfolge-Club der IHK Erfurt und auf den Veranstaltungen des Kammernetzwerks.

Text und Redaktion: Benjamin Voßler – Kommunikation und Interessensvertretung IHK Erfurt
Fotos und Videos: Paul-Philipp Braun

Kontaktieren
Sie Ihren
IHK-Experten:
Mandy Zirk

Mandy Zirk

Tel: 0361 3484141

E-Mail: zirk@erfurt.ihk.de

Sie wollen ins WiMa?

So geht's

Wir freuen uns auf Ihr Feedback zum WiMa

Klicken Sie hier für Lob & Kritik.

So kommen Sie ins WiMa.

Sagen Sie uns, was bei Ihnen los ist!

Jetzt unseren monatlichen
WiMa-Newsletter abonnieren und informiert bleiben.
Rechtsform Gründung
Praxis & RatgeberIn welcher Rechtsform gründe ich?
| Lesezeit: ca. 4 Minuten

Auf dem Weg in die Selbstständigkeit und der Gründung eines Unternehmens stellen sich viele Fragen. Die Wahl der richtigen Rechtsform fällt vielen schwer. Wir haben die wichtigsten Kriterien zur Entscheidungsfindung zusammengefasst.

Weiterlesen
Zwei Unternehmerinnen stehen lächelnd in einem liebevoll eingerichteten Spielwaren- und Geschenkgeschäft in Bad Salzungen, umgeben von Regalen mit Spielzeug, Dekoartikeln und kreativen Produkten.
StandardZwei Schwestern, ein Traum – und ganz viel Herz für Bad Salzungens Innenstadt
| Lesezeit: ca. 7 Minuten

Ein kleines Gradierwerk, darauf sind sie besonders stolz. „Das ist hier einmalig, das gibt es nur in Bad Salzungen“, sagt Andrea Geigengack. Und in der Tat: Wer die winzigen Holzstücke genau zusammensteckt, erhält ein Ensemble, das dem Bad Salzunger Wahrzeichen zum Verwechseln ähnlichsieht, nur ist das selbstgebaute Werk eben so klein, dass es in eine

Weiterlesen
Künstliche Intelligenz als Game Changer für KMU
Praxis & RatgeberKünstliche Intelligenz als Game Changer für KMU
| Lesezeit: ca. 6 Minuten

Künstliche Intelligenz hat Potenziale für kleine und mittlere Unternehmen (KMU): Sie verspricht Kostensenkungen, Effizienzsteigerungen und Qualitätsverbesserungen, neue Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle, Prozessoptimierung, Fehlererkennung und zusätzlichen Nutzen für Kunden.

Weiterlesen
WiMa Newsletter So kommen Sie ins WiMa