Smartinfeld – vom Eichsfeld in die Welt

Jan Bose und sein Projekt SMARTinfeld Foto: Paul-Philipp Braun
Ein Mann in dunkelblauem Hoodie steht im Freien neben einer Wetterstation und greift an ein Messgerät. Im Hintergrund sind Häuser und ein bewölkter Himmel zu sehen.
Warum sollte ich diesen Artikel lesen?
  • Ein kleines Eichsfelddorf zieht Kunden aus China, Taiwan und den USA an – und hat dafür einen handfesten Grund.
  • Lorawan ist eine Technologie, die in immer mehr Kommunen zum Einsatz kommt – und kaum jemand kennt sie beim Namen.
  • Alpha-Omega Technology zeigt, wie aus realen Problemen Businesscases für den Mittelstand entstehen können

Wie Jan Bose aus einem  Dorf ein globales Internet-Schaufenster gemacht hat

Martinfeld  scheint das perfekte Dorf zu sein. Mit seinen rund 580  Bewohnern, einem Bäcker und einem Fleischer ist es klein genug, dass man einander kennt und zugleich groß genug, um sich darin auszuprobieren. So ähnlich sieht es auch Jan Bose, der mit Alpha-Omega Technology vor zehn Jahren Martinfeld in SMARTinfeld verwandelte und damit weltweit berühmt machte, denn das Wortspiel hat wirklich etwas gebracht. Heute vertreibt es LoRaWan Technology von über 110 Anbietern an über 6.000 Kunden in die ganze Welt.

Eine Person sitzt an einem Besprechungstisch und arbeitet an einem Laptop mit einem Dashboard aus Diagrammen und Messdaten.
Jan Bose sieht alle Daten von SMARTinfeld im Dashboard auf einen Blick – Foto: Paul-Philipp Braun

Vom Dorf zum Dashboard

Dabei ist das Thema der Smartcity unlängst in nahezu aller Munde. Die Digitalisierung scheint unaufhaltsam und betrifft inzwischen nicht mehr nur das private und berufliche Umfeld , sondern sondern erfasst längst auch Kommunen und Verwaltungen . „Wir gehen aber einen etwas anderen Weg“, sagt Jan Bose und spricht vom Smart Village, also dem dörflichen Charakter mit smarten Einrichtungen. Martinfeld ist dafür ein klares Musterbeispiel. Verkehrszählung in der Ortsmitte, Pegelmessung des Flüsschens Rossope, Metro-Analyse: Alles ist vernetzt, alles ist digital. Sogar der Energiebedarf des gesamten Dorfes  ebenso die Treibstoffpreise an den Tankstellen in der Umgebung lassen sich mittlerweile auf einem Dashboard in Echtzeit nachverfolgen.

Pegelmessung mithilfe von LoRaWan Technologie

Der Kern dieser Philosophie heißt LoRaWan, oder ausgeschrieben Long Range Wide Area Network. Und der Name verrät es eigentlich schon: Es geht darum, kleine Datenpakete über große Reichweiten zu übertragen und damit Informationen zu sammeln und sichtbar zu machen. Für Jan Bose, der die erste Zeit seines Berufslebens als Berater in der Energiebranche verbrachte, sei das Kennenlernen besagter Technologie von Beginn an spannend gewesen.  „Ich habe schnell die Usecases erkannt und dann versucht, Businesscases abzuleiten”, erzählt er. Der erste dieser Fälle war die Straßenbeleuchtung in Martinfeld. Vor zehn Jahren habe sie erneuert werden müssen, erinnert sich Jan Bose. Mit LoRaWan und moderner LED-Technologie fand sich eine Kombination, die nachhaltig und zugleich anwohnerfreundlich gewesen sei. Der Clou: Kleine Bewegungsmelder steuern, wann eine Straßenlaterne hoch- und heruntergeregelt wird . „Inzwischen ist auch hier die Technik einen ganzen Schritt weiter”, sagt Bose und berichtet, dass sie derzeit das Dorf auf neuere Modelle der Lampen umstellen.

LoRaWan

…steht für Long Range Wide Area Network und bezeichnet ein Funkprotokoll zur Übertragung kleiner Datenpakete über große Entfernungen. Die Technologie wurde Anfang der 2010er-Jahre in Frankreich entwickelt und 2015 durch die LoRa Alliance als offener Standard etabliert. Heute ist LoRaWAN weltweit eine der meistgenutzten Technologien im Internet of Things.​​​​​​​​​​​​​​​​

Eine Person hält ein elektronisches Messgerät mit Display und aufgeklappter blauer Abdeckung in den Händen.
Ein Sensor vermittelt den Stromverbrauch von Geräten im LoRaWan – Foto: Paul-Philipp Braun

Klein, weit, datenschutzfreundlich

Für Jan Bose und die Alpha-Omega Technology ist Smartinfeld so etwas wie ein sprichwörtlicher Glücksfall: „Hier können wir ganz echt und lebendig demonstrieren, wie unsere Technik funktioniert und was das Internet of Things (IoT) so alles kann.” Und in der Tat: Seitdem das Unternehmen in dem kleinen Eichsfelddorf sitzt, ist das noch viel internationaler geworden. Kunden und Lieferanten kommen aus China und Taiwan, aus dem europäischen Ausland und den USA. Nur um zu sehen, wie verschiedene Anwendungsfälle in der Praxis funktionieren. Und natürlich auch, um das Headquarter des IOT-Shops zu sehen. Die passende Domain sicherte sich Bose früh. Heute vertreibt das Unternehmen unter dieser Marke LoRaWAN-Produkte europaweit und beliefert Kunden weltweit.

IoT

Das Internet of Things (IoT) bezeichnet die Vernetzung physischer Geräte, Maschinen und Alltagsgegenstände über das Internet. Sensoren erfassen dabei Daten aus der realen Welt – etwa Temperatur, Bewegung oder Verbrauchswerte – und übertragen sie in Echtzeit an andere Systeme. So können Geräte miteinander kommunizieren, Prozesse automatisiert ablaufen und Entscheidungen auf Basis aktueller Daten getroffen werden.​​​​​​​​​​​​​​​​ Kommunen und Unternehmen nutzen diese Technologie längst, um Ressourcen zu schonen, Sicherheit zu erhöhen und Abläufe effizienter zu gestalten.

Mehrere Wetter- und Umweltsensoren stehen auf einem Feldrand vor bewaldeter Hügellandschaft unter grauem Himmel.
Wetter- und Umweltsensoren liefern in Martinfeld laufend Daten für digitale Anwendungen im Dorf. Foto: Paul-Philipp Braun

„Wir sind echt gut gewachsen. Zu Anfang hatten wir einen Hersteller und ein paar Kunden. Inzwischen haben wir 110 Anbieter und 6.000 Kunden”, sagt Jan Bose. Der Ansatz des Vertriebs sei dabei differenziert. Das Unternehmen führt sowohl hochwertige Produkte aus Europa und Nordamerika als auch preisgünstigere Lösungen aus Asien: : „Manche Kunden sind eher preissensibel, andere achten vor allem auf Compliance.” Zum anderen ist die Lage in der Mitte Deutschlands, in Thüringen, ein  klarer logistischer Vorteil. “ Wir können hier oftmals die D+1-Lieferung (Lieferung innerhalb eines Tages d. Redaktion) garantieren, weil wir eben zu allen Kunden gleich schnell sind”, erklärt Bose.

Doch zurück zum LoRaWan-Protokoll. Was diese IT-Technologie so besonders macht, ist der Ansatz, dass nur sehr kleine Datenpakete verschickt werden. „Das ist zum einen gut für den Strombedarf der Geräte, zum anderen aber auch für den Datenschutz”, sagt Bose. Personenbezogene Daten wie Videos und Fotos werden durch LoRaWan nicht transportiert, stattdessen schweben textbasierte Informationen durch den Äther.

Wenn die Feuerwehr selbst brennt, kommt Technologie zum Einsatz

Attraktiv sei LoRaWan, ist Jan Bose sich sicher, für fast alle Anwendungsfälle, in denen es um Sicherheit und Nachvollziehbarkeit gehe. Ein Beispiel sieht er in der Ausstattung von Feuerwehrgerätehäusern mit Rauchwarnmeldern. Erst 2025 zerstörte ein Feuer das Gerätehaus der freiwilligen Wehr in Treffurt im Wartburgkreis. Der Ort ist gerade einmal 17 Kilometer Luftlinie von Martinfeld entfernt. „Die Brandmeldeanlage des Gebäudes war damals nicht aktiv, aber zugleich wissen wir, dass auch moderne, akkubetriebene Geräte auf Feuerwehrfahrzeugen eine erhebliche Brandgefahr mit sich bringen”, erklärt Jan Bose. Das traurige Beispiel aus Treffurt war für den engagierten Martinfelder ein Ansatz, im eigenen Ort etwas zu ändern. Inzwischen sind die Fahrzeuge der eigenen Wehr mit Rauchwarnmeldern ausgestattet. Eine LoRaWan-Schnittstelle beim Alarmierungstool Divera 24/7macht bei Raucherkennung die Feuerwehrleute selbst auf die Gefahr aufmerksam; auch die zuständige Rettungsleitstelle wird informiert.

Ein Mann im dunklen Hoodie steht in einem modern gestalteten Innenraum vor einer großen Bildschirmwand neben mehreren Auszeichnungen.
Jan Bose bei Alpha-Omega Technology: Das Unternehmen aus Martinfeld wurde mehrfach als Top-Innovator ausgezeichnet. Foto: Paul-Philipp Braun

Hinter jedem Businesscase steckt ein echtes Problem

„Solche und ähnliche Fälle gibt es zu Hunderten”, sagt Bose, dessen Aufgabe es ist, die Anwendungsfälle in Businesscases zu verwandeln. Genau darin liegt für Bose der Kern des Geschäfts: Nicht die Technik steht am Anfang, sondern ein konkretes Problem: ein abgebranntes Gerätehaus, eine unnötig leuchtende Straßenlaterne, ein ungenutztes Datenpotenzial. Martinfeld zeigt seit zehn Jahren, wie daraus digitale Lösungen mit praktischem Nutzen entstehen können – im Dorf und weit darüber hinaus.

Text, Fotos & Videos: Paul-Philipp Braun
Bearbeitung & Redaktion: Benjamin Voßler

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