Sustainable Finance soll nachhaltige Prinzipien in der Wirtschaft verankern. Das ist mit einigem Aufwand verbunden – und zwar nicht nur für Finanzdienstleister und Konzerne. Denn auch kleine und mittlere Unternehmen müssen sich verstärkt mit diesem Thema befassen. Der Autor Daniel Boss hat sich zu dem Thema mit Prof. Dr. Michael Stelter unterhalten. Prof. Dr. Stelter ist Direktor am Center for Energy and Environmental Chemistry(CEEC) und Lehrstuhlinhaber für Technische Umweltchemie an der Universität Jena sowie Mitglied der Institutsleitung des Fraunhofer IKTS.
Nachhaltigkeit ist ein sehr weites Feld. Ein kleiner, aber für Unternehmen wichtiger Teilaspekt ist „Sustainable Finance“, also „Nachhaltige Finanzierung“. Gemeint ist die Berücksichtigung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Aspekten (ESG) bei finanziellen Entscheidungen. „Sustainable Finance prägt eine Regulatorik, die vor allem auf die Finanzbranche und zur Berichterstattung verpflichtete große Unternehmen gerichtet ist“, sagt Frank Rademacher, Prokurist und Nachhaltigkeitsbeauftragter bei der Volksbank Thüringen Mitte. „Doch auch die Kleinen und Mittleren sind betroffen. Sie haben zum Beispiel verschiedenen Interessengruppen – vor allem innerhalb der Lieferkette – nachhaltigkeitsbezogene Auskünfte zu erteilen, damit diese wiederum an sie gestellte oder selbst auferlegte Anforderungen erfüllen können.“ Sustainable Finance trage also zur Verankerung nachhaltiger Prinzipien in der gesamten Wirtschaft bei.
CSRD, EU-Taxonomie und ESG: Neue Anforderungen im Überblick
Zentrale Vorgaben für Unternehmen ab einer bestimmten Größe sind die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und die EU-Taxonomie. „Derzeit stehen viele unserer Kunden vor allem vor der Herausforderung, die komplexen Anforderungen der CSRD umzusetzen. Dazu gehören insbesondere die Durchführung einer sauberen doppelten Wesentlichkeitsanalyse, die Anwendung der EU-Taxonomie sowie das Erfüllen der entsprechenden Kriterien und der Nachweis geeigneter Datenquellen“, erklärt Daria Ezhkova, die bei der EurA AG in Erfurt als Nachhaltigkeitsberaterin für diesen Themenbereich tätig ist.
Eine Aufgabe des Dienstleisters besteht darin, Unternehmen im Rahmen der CSRD-konformen Berichterstattung für die zunehmende Bedeutung von ESG-Daten zu sensibilisieren. „Diese nicht finanziellen Informationen werden von externen Stakeholdern wie Investoren, Banken oder Geschäftspartnern genutzt, um zu beurteilen, ob sich eine Investition oder eine Geschäftsbeziehung mit dem Unternehmen lohnt. Transparenz und Glaubwürdigkeit im ESG-Bereich sind daher ein entscheidender Wettbewerbsfaktor“, so Ezhkova.
Nachhaltiger Wachstum (Symbolbild) ©gettyimages
ESG-Kriterien in der Finanzierung: steigender Druck durch Banken
Eine weitere Dienstleistung ist die Beratung zur nachhaltigen Finanzierung. „Insbesondere für Unternehmen, die sich über den Kapitalmarkt oder über Banken finanzieren möchten, unterstützen wir bei der Einordnung und Anwendung nachhaltiger Finanzierungsinstrumente wie grüne oder soziale Anleihen, Schuldscheine sowie ESG-verknüpfte Kredite.“ Ein Selbstläufer ist dieses Thema noch nicht: Im Bereich nachhaltiger Fremdfinanzierung sei das Interesse zwar spürbar vorhanden, jedoch fehle es häufig noch an konkreter Bereitschaft, sich aktiv mit grünen oder sozialen Finanzierungsinstrumenten auseinanderzusetzen. „Hier befinden sich viele Unternehmen noch in einer frühen Orientierungsphase und möchten zunächst Kompetenz aufbauen, etwa durch Workshops.“
Dass Unternehmen irgendwann handeln müssen, steht für die Beraterin außer Frage: „Unternehmen, die ihre Finanzierungsstrategien nicht rechtzeitig diversifizieren – etwa durch die Nutzung grüner Anleihen oder ESG-verknüpfter Kredite – setzen sich mittelfristig Risiken aus. Dazu zählen etwa höhere Finanzierungskosten oder erschwerter Zugang zu Kapital. Denn auch Banken stehen zunehmend unter Druck, ESG-Kriterien in ihre Kreditvergabe zu integrieren. In Zukunft werden sie vermehrt Unternehmen bevorzugen, die nachhaltige Investitionen tätigen oder ein glaubwürdiges nachhaltiges Geschäftsmodell vorweisen können.“
Business Meeting (Symbolbild) ©gettyimages
Nachhaltige Finanzierung als Wettbewerbsfaktor für Unternehmen
Die Finanzbranche soll den Wandel zu mehr Nachhaltigkeit unterstützen, indem sie Kapitalströme auf Wirtschaftsaktivitäten lenkt, die der Transformation dienlich sind. „Dafür wurde der regulatorische Rahmen deutlich verschärft“, sagt Rademacher. „Banken müssen unter anderem über Nachhaltigkeitsmerkmale ihrer Produkte berichten, Nachhaltigkeitskriterien in Kreditvergaben und Investitionen berücksichtigen sowie Nachhaltigkeitsrisiken im Risikomanagement integrieren. Dafür müssen natürlich interne Strukturen, Kapazitäten und Wissen aufgebaut werden.“
Das „Regelungsgeflecht“ sowie die Erwartungen verschiedener Partner und Institutionen im Geschäftsleben bedeuten für Unternehmen aller Größen einen erheblichen Aufwand: Rademacher nennt unter anderem die Bereitstellung von Informationen sowie die Anpassung von Strukturen, Leistungsangeboten, „ja mitunter ganzen Geschäftsmodellen“. Die proaktive Auseinandersetzung mit dem Thema eröffne allerdings auch die Möglichkeit, neue Perspektiven einzunehmen, Innovationsmöglichkeiten zu erkennen und Geschäftsfelder zu erschließen sowie Wettbewerbsvorteile zu erlangen und Risiken zu reduzieren.
Nachhaltigkeitsabkommen Thüringen als Dialogplattform der Wirtschaft
Eine Möglichkeit des Austausch zu diesem Thema (und zu Nachhaltigkeit insgesamt) bietet das Nachhaltigkeitsabkommen Thüringen (NAT). Auf Grundlage einer freiwilligen Vereinbarung zwischen der Thüringer Landesregierung und der Wirtschaft vor Ort entsteht ein Netzwerk zur Weiterentwicklung und Umsetzung der Thüringer Nachhaltigkeitsstrategie. Es vereint Unternehmen aller Branchen und Größen – darunter auch Banken und Sparkassen – Verbände und Organisationen (wie etwa die IHK Erfurt) sowie öffentliche und privatwirtschaftliche Einrichtungen.
Text: Daniel Boss (Interview wurde mit Michael Stelter geführt)
Bearbeitung und Redaktion: Benjamin Voßler