Warum die Kampagne #Übernehmertum in der aktuellen Lage relevanter ist denn je
Ein Beitrag der IHK Erfurt zur Fachkräftesicherung in Thüringen
Wirtschaft unter Transformationsdruck
Die deutsche Wirtschaft steht inmitten einer tiefgreifenden, mehrdimensionalen Transformation. Digitalisierung, Dekarbonisierung, geopolitische Verwerfungen und die Alterung der Gesellschaft wirken gleichzeitig auf Unternehmen ein und stellen insbesondere den Mittelstand vor strategische Herausforderungen.
Hinzu kommen konkrete Unsicherheiten: die Energiepreise bleiben hoch und volatil, Lieferketten sind fragiler geworden, regulatorische Anforderungen steigen. Unternehmen müssen heute mehr denn je in ihre Zukunftsfähigkeit investieren – personell wie strukturell. Dabei wird deutlich: Der langfristig kritische Engpassfaktor ist nicht die Technologie, sondern der Mensch.
Fachkräftemangel in Zahlen
- Laut Fachkräftestudie Thüringen werden bis 2035 rund 385.500 Beschäftigte altersbedingt aus dem Erwerbsleben ausscheiden
- Betroffen sind v. a. MINT-Berufe, Pflege, Handwerk, Logistik, IT, kaufmännische Berufe
- In Thüringen ist der Altersdurchschnitt der Erwerbstätigen besonders hoch
Die Lücke zwischen Angebot und Bedarf
Während der Personalbedarf kontinuierlich steigt, nimmt das Erwerbspotenzial ab. Der Rückgang geburtenstarker Jahrgänge ist längst spürbar, insbesondere in Ostdeutschland. Gleichzeitig streben viele Schulabgänger:innen in akademische Laufbahnen, während duale Ausbildungsberufe in Teilen an Attraktivität verlieren.
Die Folge: Immer mehr Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt. Viele Unternehmen können dadurch geplante Wachstumsschritte, Innovationsprojekte oder gar Übergaben im Rahmen von Unternehmensnachfolgen nicht realisieren. Die Nachwuchslücke wird zur strategischen Schwachstelle.
Ursachen der Fachkräftelücke
- Demografischer Wandel und längere Bildungswege
- Unbesetzte Ausbildungsplätze trotz Angebot
- Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte in Metropolregionen
Duales System als Standortvorteil – wenn es durchdacht wird
Die duale Ausbildung gilt international als Erfolgsmodell – zu Recht: Sie verbindet betriebliche Praxis mit schulischer Qualifikation und ist nah am Bedarf der Wirtschaft. Aber: Ihr Potenzial entfaltet sich erst dann vollständig, wenn Ausbildung nicht isoliert, sondern strategisch gedacht wird.
Die zentrale Frage lautet also nicht nur: „Bilden wir aus?“, sondern: „Welche Rolle spielt die Ausbildung in unserer langfristigen Personalstrategie?“ Genau hier setzt die Kampagne #Übernehmertum an.
Die Idee hinter der Kampagne
#Übernehmertum ist eine bundesweite Mitmachaktion der Industrie- und Handelskammern. Ihr Ziel ist es, auf einen Aspekt aufmerksam zu machen, der in der öffentlichen Debatte oft untergeht: die Übernahme von Auszubildenden nach erfolgreichem Abschluss.
Denn hier entscheidet sich, ob Ausbildung zu einem einmaligen Projekt wird – oder zu einem nachhaltigen Personalentwicklungsinstrument. Viele Unternehmen übernehmen bereits seit Jahren erfolgreich ihre Nachwuchskräfte. Doch dieses Engagement ist oft nicht sichtbar.
Die Kampagne will genau das ändern: gute Beispiele in die Sichtbarkeit bringen, Wertschätzung fördern und andere motivieren, dem Vorbild zu folgen.
Ziel der Kampagne #Übernehmertum
- Aufmerksamkeit für gelebte Ausbildungs- und Übernahmepraxis
- Sichtbarkeit für Ausbildungsbetriebe und ihre Azubis
- Motivation für andere Unternehmen, die eigene Nachwuchssicherung aktiv zu gestalten
Was Übernahme bedeutet – für Betrieb und Region
Eine Übernahme ist kein Formalakt. Sie ist ein Vertrauensbeweis und zugleich ein betriebswirtschaftlich sinnvoller Schritt:
- Übernommene Azubis sind eingearbeitet, betrieblich sozialisiert und motiviert
- Sie bringen Praxiswissen mit und haben Entwicklungspotenzial
- Die Fluktuationsrate ist deutlich geringer als bei externen Neueintritten
- Sie stärken Identifikation und Bindung
Zudem hat Übernahme eine regionale Dimension: Sie hält junge Menschen in der Region, stärkt die betriebliche Stabilität und reduziert externe Abhängigkeit in der Personalbeschaffung.
Fachkräftesicherung – IHK Erfurt: Informationen und Unterstützung zur Gewinnung und Bindung von Fachkräften.
Praxisbeispiel: Interview mit Thomas Fahlbusch, IHK Erfurt
Herr Fahlbusch, Sie begleiten Ausbildungsbetriebe in Mittel-, Nord und Westthüringen. Warum ist #Übernehmertum aus Ihrer Sicht so wichtig?
Weil wir sichtbar machen, was gerade zum Ende der Lehrzeit in vielen Betrieben gelebt wird: Ausbildung hat Perspektive. Die Übernahme ist kein Bonus, sondern das Ziel der konkreten Personalentwicklung in Unternehmen.
Thomas Fahlbusch
Was erleben Sie in der Zusammenarbeit mit den Unternehmen?
Viele engagieren sich über das Maß hinaus. Sie investieren Zeit, Geduld und Ressourcen – auch wenn es täglich neue Herausforderungen gibt. Die Betriebe übernehmen zusätzliche viele Aufgaben, neben der eigentlichen Ausbildung. Das reicht von der Nachhilfe bis zu Erziehungsaufgaben. Aber die Erfolge sind da. Die übernommenen jungen Fachkräfte sind häufig die Leistungsträger der Zukunft.
Was ist Ihre Hoffnung für die Kampagne?
Das wir damit die duale Ausbildung noch stärker in den Fokus setzen. Es ist wichtig, das junge Menschen und ihre Eltern die berufliche Erstausbildung nicht als Ausweg, sondern als Königsweg zum Berufseinstieg sehen.
Wie Unternehmen mitmachen können
Die Kampagne lebt vom Mitmachen. Unternehmen sind eingeladen, ihre Erfahrungen öffentlich zu teilen – z. B. auf LinkedIn, Instagram oder ihrer Website.
🔹 So geht’s:
- Eigene Übernahme-Erfolgsgeschichte auf Social Media veröffentlichen
- Den Hashtag #Übernehmertum und #IHKErfurt verwenden
- Die Aktionsseite der IHK Erfurt verlinken: www.ihk.de/erfurt/uebernehmertum
Fazit: Von der Ausbildung zur Verständigung
In Zeiten des Wandels braucht es mehr als Fachkräfte. Es braucht Verbindlichkeit, Perspektiven und Dialog.
Die Kampagne #Übernehmertum ist ein Baustein für eine nachhaltige, regional verankerte Fachkräftepolitik. Sie macht sichtbar, was viele bereits erfolgreich tun – und sie ermutigt andere, dem Beispiel zu folgen. Nicht als Pflicht, sondern als Chance: für junge Menschen, für Betriebe, für Mittel-, Nord und Westthüringen.
Ausbildung – IHK Erfurt: Ressourcen und Beratung für Ausbildungsbetriebe.
Bildverweis:
Im Bild: Dr. Cornelia Haase-Lerch, Hauptgeschäftsführerin der IHK Erfurt, mit Vanessa Hahn – ehemalige Auszubildende und heute festes Teammitglied.
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