Zukunftspreis 2025: Wie ein Thüringer Modelabel Digitalisierung aus eigener Kraft umsetzt

Praktikant Erik Escherich digitalisierte bei Kaseee zentrale Abläufe © IHK Erfurt / Paul-Philipp Braun
Erik Escherich und Kollegin mit Tablets im Kaseee-Atelier © IHK Erfurt / Paul-Philipp Braun
Warum sollte ich diesen Artikel lesen?
  • Weil er zeigt, wie Digitalisierung im Mittelstand auch ohne große Budgets gelingt – praxisnah, kosteneffizient und übertragbar.
  • Weil ein Praktikant mit Eigeninitiative ein ganzes Unternehmen digital transformiert hat – ein Best-Practice mit Vorbildcharakter.
  • Weil Kaseee seine Lösung offen teilt und damit andere Betriebe zum Mitmachen einlädt – statt Wettbewerb: echter Erfahrungsaustausch.

Kaseee aus Apolda zeigt, wie moderne IT-Lösungen bezahlbar bleiben

Wer das Atelier von Kaseee betritt, muss zunächst durch einen orange-roten Industrieaufzug mit verblasstem VEB-Typenschild. Von dort führen ein paar Stufen in eine Welt, die von Präzision, Licht und Reduktion geprägt ist. Hier, in einem ehemaligen DDR-Industriegebäude in Apolda, führt Katrin Sergejew ihr Modelabel – und inzwischen auch eine IT-Infrastruktur, die sich sehen lassen kann.

Was früher mit Notizen, E-Mails und viel Bauchgefühl funktionierte, läuft heute digital. Günstig, flexibel, eigenentwickelt. Eine Transformation, die das Unternehmen zur Bewerberin für den Zukunftspreis 2025 gemacht hat – und zum Vorbild für viele andere kleine und mittlere Betriebe.

Digitalisierung muss nicht teuer sein – aber sie muss zur eigenen Realität passen.

Katrin Sergejew, Gründerin von Kaseee

Von der Idee zur Marke – und zurück nach Thüringen

Katrin Sergejew gründete Kaseee 2007 – mit dem festen Wunsch, Mode anders zu denken: als Verbindung aus Handwerk, Kunst und Haltung. Schon mit 15 Jahren war für sie weniger entscheidend, was auf Laufstegen angesagt war, sondern wie Kleidung entsteht. Nach Stationen in Berlin und Paris zog es sie bewusst zurück in ihre Heimat Thüringen. „Hier hatte ich die Freiheit, so zu arbeiten, wie ich es wollte – nah an der Produktion, mit den richtigen Partnern.“
Der Markenname Kaseee setzt sich aus ihren Initialen zusammen – ein bewusst gewählter Verweis auf die persönliche Verantwortung hinter jeder Kollektion. Produziert wird lokal, gemeinsam mit regionalen Strickereien, verkauft wird an vier eigenen Standorten in Apolda, Jena, Weimar und Dessau-Roßlau. Die Philosophie: Slow Fashion mit eigener Handschrift – tragbare Kunst statt kurzfristiger Trends.

Frau näht Stoff an Industrienähmaschine © IHK Erfurt / Paul-Philipp Braun
Präzise Handarbeit in der Fertigung bei Kaseee © IHK Erfurt / Paul-Philipp Braun

Herausforderung: vier Standorte, ein Lager, viele Zettel

Mit dem Wachstum des Unternehmens wurde auch die Organisation komplexer. Versand, Nachbestellung, Lagerbestände, Abstimmungen zwischen Verkauf und Produktion – vieles geschah manuell, per Zuruf oder Papiernotiz. „Früher war der Bestellzettel oft schneller auf dem Tresen als im System“, erinnert sich Sergejew. Die Folge: Verzögerungen, Missverständnisse, Mehraufwand.

Es war klar: Das Unternehmen braucht digitale Unterstützung – aber nicht zu den üblichen Preisen und Bedingungen externer Anbieter.

Praxisbeispiel mit Potenzial

✔ Unabhängig digitalisiert – mit geringen Kosten
✔ Flexible Eigenlösung für Produktion, Lager & Verkauf
✔ Ohne Fachchinesisch umsetzbar – und jederzeit anpassbar
✔ Für andere Branchen übertragbar – besonders im Handwerk und Einzelhandel

Tablet scannt QR-Code auf Dokument
Digitale Arbeitsprozesse bei Kaseee mit Tablet und QR-Code © IHK Erfurt / Paul-Philipp Braun

Die Lösung kommt aus dem Praktikum

Ein Praktikant wurde zum Treiber der Transformation: Erik Escherich, Wirtschaftsstudierender aus Jena, analysierte während seines Praktikums die Abläufe im Unternehmen – und entwickelte eine maßgeschneiderte IT-Lösung. Seine Motivation: mehr Übersichtlichkeit, weniger Fehler, einfache Bedienbarkeit.

Mittels Google Sheets, projektbasierter Software und KI-gestützter Funktionen entstand ein digitales System, das alle relevanten Informationen zentral verknüpft: Bestände, Produktionsfortschritte, Bestellungen und Rückmeldungen – für alle Mitarbeitenden, standortübergreifend und in Echtzeit zugänglich.

Digitalisierung bei Kaseee – auf einen Blick

Tools: Google Sheets, Projektsoftware, Tablet-PCs
Kosten: ca. 350 €/Monat
Entwicklung: intern, durch Praktikant
Vorteile: Unabhängigkeit, Anpassbarkeit, Echtzeit-Übersicht

Das System wurde nach und nach erweitert – etwa um Prognosefunktionen für Nachfrageentwicklungen. „Ich sehe sofort, wie weit die Produktion ist oder ob wir etwas nachbestellen müssen“, sagt Katrin Sergejew. Die Transparenz reduziert Fehlplanungen, spart Zeit und stärkt die Flexibilität im Alltagsgeschäft.

Erik Escherich zeigt digitale Lösung im Atelier von Kaseee © IHK Erfurt / Paul-Philipp Braun
Praktikant Erik Escherich entwickelte bei Kaseee die IT-Lösung mit © IHK Erfurt / Paul-Philipp Braun

Die monatlichen Kosten liegen bei rund 350 Euro. Und weil die Lösung eigenentwickelt ist, kann sie jederzeit intern angepasst werden – ohne Lizenzgebühren oder Anbieterbindung.

Auch für Kundinnen und Kunden hat sich einiges verändert: Lieferzeiten sind planbarer, Nachfragen werden schneller beantwortet, individuelle Wünsche lassen sich unkomplizierter umsetzen. Die neue digitale Transparenz hat die Kundenzufriedenheit spürbar verbessert.

Kaseee ist heute mehr als ein Modelabel – es ist ein Unternehmen mit Haltung und Innovationskraft. Internationale Laufstege in Paris, Berlin und Zürich gehören genauso dazu wie regionale Verwurzelung und echtes Unternehmertum.


Ausbildung mit Perspektive

Ein weiterer Schwerpunkt bei Kaseee ist die Nachwuchsförderung. Seit Jahren bildet das Unternehmen Modeschneiderinnen und Modeschneider im eigenen Haus aus – mit Fokus auf Kreativität, Handwerk und Zukunftskompetenzen.

Neben klassischen Fertigkeiten lernen die Auszubildenden auch unternehmerisches Denken und digitale Tools kennen. Viele bleiben dem Betrieb treu – ein Zeichen für Qualität und Identifikation.


Blick in die Zukunft

Der nächste Schritt: Erweiterung der digitalen Lösung um E-Commerce-Funktionen, Kundenbindungstools und KI-basierte Produktempfehlungen. Außerdem will das Unternehmen den Austausch mit anderen Mittelständlern weiter ausbauen. Denn Katrin Sergejew und Erik Escherich sind überzeugt: Digitalisierung ist machbar – wenn man den Mut hat, selbst loszulegen.


Mehr zum Zukunftspreis

Alle Details zum Zukunftspreis der IHK und HWK Erfurt – inklusive Teilnahmebedingungen, Bewerbungsinfos und Fristen:


©IHK Erfurt

Text, Bildmaterial und Redaktion: Paul-Philipp Braun
Bearbeitung & Veröffentlichung: Randi Hofmann (Kommunikation und Interessenvertretung – IHK Erfurt)

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Sophia Schrock

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E-Mail: schrock@erfurt.ihk.de

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