Wie nachhaltig ist Digitalisierung?

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Imagefoto Nachhaltigkeit und Digitalisierung
Warum sollte ich diesen Artikel lesen?
  • In unserer global agierenden Wirtschaft ist Digitalisierung ein wichtiger Wettbewerbsfaktor. Doch wie nachhaltig ist Digitalisierung?
  • Die Praxis zeigt: die Digitalisierungsbestrebungen in den kleinen und mittleren Betrieben in Thüringen werden bislang selten mit dem Argument der Nachhaltigkeit begründet.
  • Die IHK Erfurt und das Thüringer Kompetenzzentrum Wirtschaft 4.0 bieten Empfehlungen für die nachhaltige Auswahl digitaler Tools.


Das 21. Jahrhundert ist kaum denkbar ohne digitale Informations- und Kommunikationstechnik. Das gilt gleichermaßen für den Alltag von Menschen und für die Geschäftsprozesse von Unternehmen. In unserer global agierenden Wirtschaft ist Digitalisierung ein wichtiger Wettbewerbsfaktor. Jedoch: Wie nachhaltig ist Digitalisierung?

Digitalisierung ermöglicht Zusammenkünfte im digitalen Raum und ersetzt Dienstreisen; der Versand von E-Mails spart die für Briefpost notwendigen Ressourcen. Aus dieser Perspektive stellt sich Digitalisierung in den Dienst der Nachhaltigkeit. Doch es gibt auch eine andere Sichtweise. Jene, die daran erinnert, dass die für die Herstellung technischer Geräte abzubauenden Rohstoffe nicht unbegrenzt verfügbar und dass die Ressourcen unseres Planeten begrenzt sind. Dazu kommt der weltweit wachsende Stromverbrauch, der durch die zunehmende Nutzung von Technik verursacht wird. Aus dieser Blickrichtung scheinen Digitalisierung und Nachhaltigkeit kaum vereinbar.

Die Nachhaltigkeitsstrategie des Bundes

Digitalisierung und Nachhaltigkeit stehen in einem Spannungsverhältnis, das beleuchtet und politisch gesteuert werden muss: „Digitalisierung ist kein Selbstzweck; ihre Entwicklung sollte sich an den Nachhaltigkeitszielen ausrichten, wie sie unter anderem in der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung verankert sind“. (Umweltbundesamt 2019, S. 9). Für die Bundesregierung ist Nachhaltigkeit ein politisches Leitprinzip: „Nachhaltigkeit bezieht sich auf eine wirtschaftlich leistungsfähige, sozial ausgewogene und ökologisch verträgliche Entwicklung. Dabei darf niemand zurückgelassen werden. Die planetaren Grenzen stellen die absoluten Grenzen von Entwicklung dar“ (Nachhaltigkeitsstrategie der deutschen Bundesregierung).

Seit 2002 gibt es in Deutschland eine Nachhaltigkeitsstrategie, die regelmäßig fortgeschrieben wird. Seit 2016 orientiert sich diese an den 17 globalen Nachhaltigkeitszielen der Agenda 2030 der Vereinten Nationen. Die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie vom 10. März 2021 umfasst die Themen Ernährungssicherung, nachhaltige Landwirtschaft, Stärkung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, Energiewende, Elektromobilität und Müllvermeidung (vgl. Nachhaltigkeitsstrategie der deutschen Bundesregierung).

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Die Digital- und Datenstrategie des Bundes

Auch das Thema Digitalisierung ist in der deutschen Politik zunehmend präsent. Die Bundesregierung will den digitalen Wandel gestalten und Deutschland mit Maßnahmen und Investitionen bestmöglich auf die Zukunft vorbereiten (vgl. Bundesregierung: Digitalisierung gestalten).

Die Digitalstrategie der Bundesregierung umfasst die fünf Handlungsfelder:

  1. Digitale Kompetenz,
  2. Infrastruktur und Ausstattung,
  3. Innovation und digitale Transformation,
  4. Gesellschaft im digitalen Wandel und Moderner Staat (vgl. Digitalstrategie der Bundesregierung).

Mit der Datenstrategie der Bundesregierung wurden im Januar 2021 rund 240 Maßnahmen vorgestellt, um der zunehmend zentralen Rolle von Daten in der Gesellschaft, in Wirtschaft und Wissenschaft gerecht zu werden (vgl. Datenstrategie der Bundesregierung). Mit Investitionen von drei Milliarden Euro bis zum Ende der Legislaturperiode wird Deutschland aktuell bei seiner Entwicklung zu einem führenden KI-Standort unterstützt. All das zeigt: Digitalisierung findet in Deutschland statt und das bildet sich in politischen Plänen und Papieren ab. Für die Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung wird Nachhaltigkeit gefordert: „Umwelt und Nachhaltigkeit [sollen] bei digitalen Prozessen von Anfang an mit bedacht und in der Praxis berücksichtigt werden.“, so die Forderung in einem Impulspapier des Umweltbundesamtes mit dem Titel: „Digitalisierung nachhaltig gestalten“ (Umweltbundesamt 2019, S. 7). Aber wie sieht die Praxis aus? Wie steht es um die kleinen und mittleren Unternehmen in Thüringen?

Thüringer Unternehmen vor der Herausforderung, zwei Megatrends mit politischen Leitprinzipien zu vereinbaren

In der Praxis des Thüringer Kompetenzzentrums Wirtschaft 4.0 finden sich zahlreiche Beispiele für das Zusammengehen von Digitalisierung und Nachhaltigkeit: Eine aktuelle Veranstaltungsreihe zum Thema Digitales Büro zeigt, wie Dokumentenmanagementsysteme Papier einsparen, der Wegfall von Aktenordnern Platz schafft und der digitale Versand Personal- und Benzinkosten reduzieren kann. Die Berater unterstützen kleine und mittlere Unternehmen in Thüringen bei der Optimierung ihrer betrieblichen Abläufe und Geschäftsprozesse im Zeitalter der Digitalisierung. Dennoch: „Die Digitalisierungsbestrebungen in kleinen und mittleren Betrieben in Thüringen werden aktuell selten mit dem Argument der Nachhaltigkeit begründet.“, weiß Dr. Sebastian Gerth, stellvertretender Leiter des Kompetenzzentrums. Motive der Unternehmen sind vor allem ökonomische Vorteile oder datenschutzrechtliche Notwendigkeiten. „Hier bedarf es stärkerer Sensibilisierung. Es geht beispielsweise darum, aufzuzeigen, wie Datenmonitoring für die Einsparung von Energie genutzt werden kann. Wie die Organisation von Fahrzeugflotten ressourceneffizient optimiert werden kann. Wie sich Materialverbrauch durch Algorithmen und künstliche Intelligenz reduzieren lässt.“

Die Digitalisierungsbestrebungen in kleinen und mittleren Betrieben in Thüringen werden selten mit dem Argument der Nachhaltigkeit begründet. Motive der Unternehmen sind vor allem ökonomische Vorteile oder datenschutzrechtliche Notwendigkeiten. Hier bedarf es stärkerer Sensibilisierung!

– Dr. Sebastian Gerth, stellv. Leiter, Thüringer Kompetenzzentrum Wirtschaft 4.0

Im Thüringer Kompetenzzentrum Wirtschaft 4.0 wird nachhaltiges Wirtschaften mit einer langfristigen Perspektive auf ökonomischen Erfolg und gleichzeitige Ressourcenschonung verbunden. „Digitalisierung und Nachhaltigkeit gehen hierbei Hand in Hand: Digitale Technologien werden in ihrer Verwendung zunehmen, Nachhaltigkeit wird immer bedeutsamer. Es ergeben sich viele Möglichkeiten, beides miteinander zu kombinieren: Ziel kann etwa sein, Energie optimal zu nutzen und damit Verbräuche zu senken oder Material im Sinne einer Ressourceneffizienz optimal zu verarbeiten und so weniger Ausschuss zu verursachen oder gar recycelfähige Rohstoffe durch spezielle Verfahren zu identifizieren.“, so Dr. Sebastian Gerth.

Tools und Empfehlungen von den Industrie- und Handelskammern

Zum Thema Nachhaltigkeit erhalten Unternehmen auch Unterstützung von den Industrie- und Handelskammern. Sie bieten Empfehlungen für die nachhaltige Auswahl digitaler Tools und stellen spezielle Instrumente für nachhaltige Geschäftsprozesse zur Verfügung: Neben dem etablierten IHK-ecofinder wird in Kürze mit ecoCockpit ein spezielles Klimabilanzierungstool verfügbar sein.

Der IHK-ecoFinder (www.ihk-ecofinder.de) ist ein etabliertes deutsches Portal für Unternehmen der Umwelt- und Energiebranche. Mittels regionaler und bundesweiter Suchfunktionen lassen sich über 8.500 Unternehmen finden. Dienstleistungsunternehmen, Berater, Hersteller und Händler der Umwelt- und Energiebranche können ihre Produkte und Dienstleistungen in Deutschland und mithilfe eines internationalen Profils auch außerhalb der BRD präsentieren.

Ab März 2022 planen die IHKs den Einsatz des Klimabilanzierungstools „ecoCockpit“, mit dem Unternehmen die Möglichkeit einer ganzheitlichen Erstellung ihrer individuellen CO2-Bilanz erhalten. Dieses eröffnet einen ersten Überblick über betriebliche Treibhausgasemissionen und die Erstellung detaillierter betrieblicher Klimabilanzen, die in Zertifizierungen einfließen können. Zudem ermöglicht das Tool die Bewertung betrieblicher Prozess- und Produktemissionen sowie die Identifikation von Hauptemittenten.

Unsere Empfehlungen für eine nachhaltige Auswahl digitaler Tools:

  1. Wählen Sie Tools mit dem passenden Funktionsumfang:
    Entscheiden Sie sich nicht für das Tool mit dem größten Funktionsumfang, sondern für dasjenige, das Ihren Anforderungen am besten entspricht. Mit schlanken Tools sparen Sie Zeit, Geld, Daten und Rechenpower.
  2. Bevorzugen Sie europäische Anbieter:
    Nutzen Sie zum bestmöglichen Schutz Ihrer personenbezogenen Daten die Angebote europäischer Anbieter.
  3. Achten Sie auf Datensparsamkeit:
    Tools, die nur notwendige Daten sicherstellen, sparen Bandbreite und schützen Sie als Nutzer vor der Weiterverwertung ihrer Daten.
  4. Achten Sie auf eine Exportmöglichkeit für Daten:
    Wenn Sie als Nutzer ihre Daten exportieren können, verhindern Sie eine dauerhafte Abhängigkeit von einem Tool.
  5. Nutzen und fördern Sie Open Source:
    Open Source („quelloffene“) Software ist gemeinwohlorientiert im besten Sinne, da sie das frei verfügbare Wissen der Welt vermehrt.
  6. Kaufen Sie von kleinen Anbieter statt von Konzernen:
    Durch die Skalierung digitaler Geschäftsmodelle entstehen riesige Plattformen, die kleinen Anbieter kaum Chancen lassen, aber gerade diese sind spezialisiert auf eine Kundengruppe und stärken die Angebotsvielfalt.

Autoren: Katrin Marie Merten, Sebastian Gerth, Livanur Pektas

Quellen

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Antje Welz

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Tel: 0361-3484218

E-Mail: welz@erfurt.ihk.de

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