Internationale Fachkräfte gewinnen – aber wie?

©Michael Reichel,ariFOTO/Christian Lohmann (m), Vorstand Operativ der Toskanaworld AG, spricht mit seinen Mitarbeitern Leo Saji (l) und Jobin Payyappilly joy.
Christian Lohmann (m), Vorstand Operativ der Toskanaworld AG, spricht mit seinen Mitarbeitern Leo Saji (l) und Jobin Payyappilly joy.
Warum sollte ich diesen Artikel lesen?
  • Der Fachkräftemangel ist weiterhin die größte Herausforderung der regionalen Wirtschaft.
  • Die Möglichkeiten dieser Situation zu begegnen sind vielfältig: neben der zielgruppengerechten Suche nach Azubis kann auch die Integration ausländischer Fachkräfte einen Beitrag leisten.
  • Christian Lohmann, Vorstand Operation der Toskanaworld AG aus Bad Sulza, berichtet über die wichtigsten Faktoren für gelingende Integration.

Die Toskanaworld ist in den vergangenen Jahren mehr und mehr zu einem internationalen Unternehmen geworden. Am Zentralstandort des Unternehmens in Bad Sulza arbeiten heute etwa 200 Mitarbeiter; ungefähr zehn Prozent davon sind ausländische Auszubildende. Im Interview mit dem WiMa spricht der Vorstand Operation (vormalige Bezeichnung General Manager) der Toskanaworld AG in Bad Sulza, Christian Lohmann, darüber, wie er Ängste bei der Stammbelegschaft gegenüber den Neuen abgebaut hat, warum er mitten in der Nacht an eine Raststätte nach Eisenach gefahren ist – und wer aus seiner Sicht jedes Jahr schlechter wird.

Herr Lohmann, wo arbeiten bei Ihnen ausländische Fachkräfte, wo lernen Auszubildende mit Migrationshintergrund?

Christian Lohmann: Wir sind ein Dienstleistungsunternehmen und setzen ausländische Mitbürger deshalb überall dort ein, wo wir unsere Dienstleistungen erbringen. Wir haben Ärzte, die keinen deutschen Pass haben, ausländische Pflegekräfte und viele Mitarbeiter im Hotelbereich mit Migrationshintergrund. Konzentriert haben wir uns aber tatsächlich in den vergangenen Jahren auf die Ausbildung von jungen Menschen aus dem Ausland, die bei uns vor allem im Restaurant, im Hotel und in der Küche lernen.

©Michael Reichel,ariFOTO/Jobin Payyappilly joy, Mitarbeiter der Toskanaworld AG

Seit wann setzen Sie so stark auf ausländisches Personal?

Christian Lohmann: Seit mehr als zehn Jahren. Wir haben vorsichtig, leise begonnen. Zunächst haben wir junge Menschen aus anderen europäischen Ländern zu uns geholt. Später sind wir noch internationaler geworden. Derzeit arbeiten bei uns Menschen zum Beispiel aus Indien, aus Vietnam, aus der Ukraine und aus Tadschikistan.

In den Belegschaften nicht weniger Unternehmen gibt es Vorbehalte gegenüber ausländischen Mitarbeitern. War das bei Ihnen nie ein Problem?

Christian Lohmann: Schauen Sie, bei allem was neu ist, braucht man eine gewissen Eingewöhnungsphase. So war das auch bei uns. Aber wir haben diese Zeit gut bewältigt, indem wir mit den Mitarbeitern, die wir schon hatten, sehr intensiv darüber gesprochen haben, was wir vorhatten, warum wir das vorhatten und was das bedeutet.

Reden hilft also tatsächlich?

Christian Lohmann: Absolut. Ich würde sogar sagen, das war einer der zwei wesentlichen Bausteine dafür, dass wir heute so ein internationales Unternehmen sind. Wir haben unseren Leuten damals klar gesagt: „Wir in Deutschland schaffen es alleine nicht, die Arbeit zu bewältigen, die an uns herangetragen wird. Es gibt einfach nicht mehr genug Menschen dafür in diesem Land. Wir brauchen ausländischen Nachwuchs.“ Das haben unsere Leute – sich langsam damit anfreundend – verstanden. Sie haben ja gesehen, wie viel Arbeit wir haben. Und ganz spannend für mich ist, dass das wirklich für alle unsere Mitarbeiter gilt. Ich weiß, was manche von ihnen für eine Grundeinstellung haben. Aber in der Zusammenarbeit mit den ausländischen Kollegen haben selbst solche Menschen überhaupt keine Probleme. Null. Das war nicht vom ersten Tag an so, aber es hat sich so entwickelt. Dafür sind wir sehr dankbar.

Christian Lohmann

Die Integration von ausländischen Fachkräften oder Auszubildenden ist eine Führungsaufgabe. Sie müssen als Chef Integration vorleben, vorleben, vorleben.

– Christian Lohmann, Vorstand Operation der Toskanaworld AG

Wirklich null Probleme?

Christian Lohmann: Null. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir beschäftigen eine polnische Köchin. Die spricht weder Deutsch noch Englisch. Und trotzdem können sich die Kollegen mit ihr so verständigen, dass alle ihre Aufgaben erledigen. Ohne Probleme. Tatsächlich haben sich gerade in den Anfangsjahren zwischen manchen unserer deutschen Mitarbeiter und den ausländischen Kollegen ganz enge Beziehungen entwickelt. Einige Bestandsmitarbeiter haben die neuen Kollegen mit zu sich nach Hause, zu ihren Familien genommen, haben mit ihnen Ausflüge gemacht, damit die Neuen nicht so alleine sind – und das nicht nur einmal.

Und was ist der zweite wesentliche Baustein für gelingende Integration?

Christian Lohmann: Die Integration von ausländischen Fachkräften oder Auszubildenden ist eine Führungsaufgabe. Sie müssen als Chef Integration vorleben, vorleben, vorleben. Als wir angefangen haben, junge Leute aus dem Ausland einzustellen, bin ich mitten in der Nacht nach Eisenach an eine Raststätte gefahren und habe dort die jungen Ukrainer selbst in Empfang genommen, die da um halb vier Uhr morgens mit dem Bus angekommen sind. Natürlich hatte ich bei all dem immer ein tolles Team hinter mir. Aber ich glaube, es war und ist doch ganz entscheidend, dass jeder sieht, dass auch ich voll hinter unserer Nachwuchsstrategie stehe.

Es gibt viele Möglichkeiten, an ausländische Auszubildende zu kommen. Mit welchen haben Sie die besten Erfahrungen gemacht?

Christian Lohmann: Wir haben Verschiedenstes ausprobiert. Wir haben angefangen, mit dem Hotel- und Gaststättenverband aus einem Nachbarbundesland Personal aus der Türkei zu holen.

Dann haben wir mit einem privaten Institut gearbeitet, das uns die IHK Erfurt vermittelt hatte. Nachdem es mit diesem Institut nicht mehr so gut lief, durften wir mit der IHK Erfurt direkt arbeiten, was wirklich sehr gut funktioniert hat. Aktuell arbeiten wir außerdem mit dem Bildungsverbund Thüringer Unternehmen.

Christian Lohmann, Vorstand Operativ der Toskanaworld AG, spricht mit seinen Mitarbeitern Leo Saji und Jobin Payyappilly joy.
©Michael Reichel,ariFOTO/v.l.n.r.: Christian Lohmann, Vorstand Operativ der Toskanaworld AG, spricht mit seinen Mitarbeitern Leo Saji und Jobin Payyappilly joy.

Und jenseits dieser strukturierten Wege: Spielen die persönlichen Netzwerke ihrer ausländischen Auszubildenden für ihre Nachwuchsarbeit eine Rolle?

Christian Lohmann: Auf jeden Fall, das geht parallel, die institutionellen Vermittlungswege, aber auch die Bekanntschaften und Freundeskreise von Menschen, die zu uns gekommen sind. Die persönlichen Netzwerke sind inzwischen sogar ein Selbstläufer. Auszubildende aus Indien sind bei uns ein Beispiel dafür: Wir haben angefangen mit zwei jungen Menschen aus Indien, die zur Ausbildung zu uns gekommen sind. In diesem Jahr kommen nun sechs weitere Inder.

Bleiben die ausländischen Auszubildenden nach der Lehre bei Ihnen im Unternehmen?

Christian Lohmann: Die meisten bleiben, ja. Dass uns immer mal wieder einer oder eine verlässt, ist völlig normal.

Christian Lohmann

Es ist zwar schön, dass wir jetzt ein neues Fachkräfteeinwanderungsgesetz haben. Aber weil gleichzeitig die Hürden in den Botschaften für die Zuwanderung höher geworden sind, ist es heute sogar eher noch schwieriger als noch vor einigen Jahren.

– Christian Lohmann, Vorstand Operation der Toskanaworld AG

Was sind die größten Schwierigkeiten, vor denen Sie stehen, wenn sie junge Ausländer zur Ausbildung nach Deutschland holen?

Christian Lohmann: Erstens, die Sprache – wobei ich nur betonen kann, wie wertvoll die Unterstützung der IHK Erfurt ist, die ja in der Vergangenheit in Lemberg für junge Ukrainer unter anderem einen Deutsch-Grundkurs angeboten hat, damit diese Menschen mit zumindest grundlegenden Sprachkenntnissen zu uns kommen. Zweitens, die Erteilung von Visa für angehende Auszubildende von außerhalb Europas. Da muss ich leider sagen: Es ist zwar schön, dass wir jetzt ein neues Fachkräfteeinwanderungsgesetz haben. Aber weil gleichzeitig die Hürden in den Botschaften für die Zuwanderung höher geworden sind, ist es heute sogar eher noch schwieriger als noch vor einigen Jahren, Fachkräftenachwuchs nach Deutschland zu holen.

Klingt nicht so, als hätten deutsche Behörden aus der Flüchtlingskrise von 2015/2016 und deren Folgen gelernt…

Christian Lohmann: Nein, haben sie nicht. Sie werden jedes Jahr schlechter.

Wie gehen Sie damit um?

Christian Lohmann: Nachhaken. Dranbleiben. Erinnern. Immer wieder aufschreien, dass die Bürokratie immer schlimmer wird. Hoffen, dass diese Aufschreie jemand erhöht und es irgendwann besser wird. Etwas anderes bleibt einem ja nicht übrig.

Die Hoffnung stirbt zuletzt?

Christian Lohmann: Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Interview: Sebastian Haak

So klappt es mit der Integration von ausländischen Auszubildenden:

Für Unternehmen, die zum ersten Mal ausländischen Nachwuchs einstellen wollen, hat Christian Lohmann diese drei Tipps:

  1. Best-Practice-Beispiele beachten: Suchen Sie das Gespräch mit Unternehmen, die bereits Erfahrungen mit der Integration von ausländischem Personal haben.
  2. Sprechen Sie mit Ihrer Belegschaft intensiv über die Pläne zur Anwerbung von ausländischen Auszubildenden.
  3. Lassen Sie keinen Zweifel daran, dass die Führungsebene Ihres Unternehmens voll hinter der Anwerbung ausländischer Auszubildender steht – und leben Sie als Chef die Integrationsbereitschaft vor.

Ausgewählte Unterstützungsangebote der IHK Erfurt

  • Hand in Hand for International Talents (HIH) – Fokus: Fachkräfte aus Vietnam, Indien, Brasilien
    Mit dem Inkrafttreten des neuen „Fachkräfteeinwanderungsgesetzes“ sollen Unternehmen leichter und schneller Fachkräfte aus dem Ausland rekrutieren. Das Pilotprojekt „Hand in Hand for International Talents“ konzentriert sich auf die Rekrutierung von Fachkräften, zunächst aus den drei Drittstaaten: Brasilien, Indien, Vietnam und folgende Berufsgattungen: Berufe in der Bauelektrik, der elektrischen Betriebstechnik, Elektrotechnik; Berufe in der Informatik, der Informations-, Telekommunikationstechnik, der Softwareentwicklung sowie Köche/Köchinnen, Berufe im Hotelservice, Berufe im Gastronomieservice und in der Systemgastronomie. Das Projekt sieht eine finanzielle Eigenbeteiligung der teilnehmenden Unternehmen vor.

    Haben Sie Interesse, dann kontaktieren Sie die Ansprechpartnerin des Projektes:
    Anja Wolf, Tel.: 03621-5104040, E-Mail: wolf@erfurt.ihk.de | Weitere Details: Homepage der IHK Erfurt.
  • Förderung der beruflichen Integration ausländischer Fach- und Arbeitskräfte (FIF) – Fokus: Azubis und Fachkräfte – Geflüchtete/Migranten
    Auch die Integration Geflüchteter und Migranten in den regionalen Arbeitsmarkt ist ein möglicher Ansatz, dem Fachkräftemangel zu begegnen. Ein Großteil der in den vergangenen drei Jahren nach Thüringen gekommenen Geflüchteten haben ihre Qualifizierungskurse abgeschlossen und verfügen mittlerweile über gute deutsche Sprachkenntnisse. Das Projekt „Förderung der beruflichen Integration ausländischer Fach- und Arbeitskräfte (FIF)“ unterstützt bei der beruflichen Integration. Die Initiative begleitet seit Dezember 2015 Geflüchtete und Migranten aber auch Arbeitgeber bei der beruflichen Orientierung und Vermittlung. Aufgrund des aktuellen Russland-Ukraine-Konfliktes unterstützen die Kollegen auch ukrainische Flüchtlinge u.a. bei der Vermittlung in Praktikums-, Ausbildungs- oder Arbeitsplätze.

    Haben Sie Interesse, Geflüchtete und Migranten in Ihrem Unternehmen zu integrieren, dann kontaktieren Sie die Ansprechpartnerin des Projektes:
    Dr. Katrin Langer, 0361 3484-244, langer@erfurt.ihk.de | Weitere Details: Homepage der IHK Erfurt.

Weitere Informationen zur Akquise und Integration ausländischer Fachkräfte:

Kontaktieren
Sie Ihren
IHK-Experten:
Dr. Katrin Langer

Dr. Katrin Langer

Tel: 0361-3484244

E-Mail: langer@erfurt.ihk.de

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