Einkaufen war gestern. Erleben ist morgen.

©arifoto.com/Michael Reichel/„Buchbar“ in Erfurt.
Warum sollte ich diesen Artikel lesen?
  • Innenstädte stehen vor großen Herausforderungen. Wenn sie weiterhin attraktiv sein wollen, ist ein umfangreicher Wandel daher unumgänglich.
  • Ein gelungenes Bespiel für mehr Individualität in Innenstädten ist die „buchbar“ in Erfurt.
  • Auch wenn die Veränderungen herausfordernd sind, steht die IHK ihren Unternehmen beratend und unterstützend zur Seite.

Es dauert nicht mehr lange, dann wird Olaf Nocke von der buchbar Erfurt zu einer Reise nach Marokko aufbrechen. Nicht zu irgendeiner Reise durch das nordafrikanische Land, sondern zu einer Radreise. Nicht mit irgendwelchen Menschen, sondern gemeinsam mit Kunden, für die er diese Reise eigens zusammengestellt hat. Er, der Reisemann aus Erfurt. Sie, die auch aus der Schweiz und aus Berlin stammen, und unbedingt mit ihm verreisen wollen. „Das ist eine Sache, die ich mir immer gewünscht habe“, sagt Nocke.

Innenstädte der Zukunft

Hinter diesem Wunsch des 58-Jährigen – und davon, dass er sich nun wirklich erfüllen wird – steckt viel von dem, was Innenstädte in Zukunft ausmachen wird. Was sie sein können. Wie sie sich von den Innenstädten von heute zu den Innenstädten von morgen werden entwickeln können. Wobei, sagt die Citymanagerin Gothas, Elisabeth Kupfer, es keinen fertigen Plan dazu geben könne, wie die Innenstädte der Zukunft aussehen werden. Nicht einmal ein Zielbild für die Innenstadt der Zukunft gebe es. „Auch eine Innenstadt wird sich immer weiter entwickeln“, sagt Kupfer. Nach der Veränderung, so lässt sich das vielleicht am treffendsten zusammenfassen, ist vor der Veränderung.

Das ist das Mindset, das auch die Händler brauchen: Dass sie sich immer weiter werden verändern müssen, sich fragen müssen, welche Bedürfnisse ihre Kunden haben.

– Elisabeth Kupfer, Citymanagerin Gotha

Den Druck, sich verändern zu müssen, spüren die Innenstädte bekanntermaßen schon seit Jahren. Und damit alle, die dort arbeiten, insbesondere Händler und Gastronomen, die das Bild so vieler innerstädtischer Zentren in Deutschland seit Jahrzehnten prägen. Vor allem die verordneten Schutzmaßnahmen während der Corona-Pandemie haben diesen Druck noch einmal massiv erhöht. Das seit Jahren andauernde Siechtum von großen Warenhäusern ist inzwischen zu einem Synonym dafür geworden, welche Folgen dieser Druck hat, wenn sich Innenstädte nicht erfolgreich an unumkehrbare Trends anpassen: zum Beispiel an den Trend zum Online-Shopping, zu Essensbestellungen per App, zu autofreien Innenstädten. Wer sich unter diesem Druck nicht verändert oder gänzlich neu anfängt, hat kaum Chancen, zu bestehen.

Wandel zu Erlebnisorten: buchbar Erfurt

Nocke gehört ebenso wie seine Geschäftspartnerin Ulrike Brandt zu denen, die vor wenigen Jahren komplett neu angefangen haben, die sich auf all das einlassen, was zumindest ihre Kunden offenkundig suchen. Im Frühjahr 2020, also unmittelbar nach Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland, haben sie gemeinsam die „buchbar“ in Erfurt eröffnet, in der es ebenso nach Kaffee riecht wie nach Holz und frisch gedruckten Büchern. Hier, in dem kleinen Laden, der unweit der Krämerbrücke in der Innenstadt Erfurts liegt, können Menschen Reisen buchen, Bücher kaufen, Kaffee trinken – und vor allem eine schöne Zeit haben. Während Nocke sich um die Reisen kümmert, ist Brandt für die Bücher zuständig. Inhaber von der buchbar Erfurt sind sie beide. Das Konzept der beiden, verschiedene Angebote zu bündeln, auch wenn diese nicht zwingend zusammenzugehören scheinen, geht auf. „Uns geht es gut, auch wegen dieser Mischkalkulation“, sagt Nocke.

Mehr noch als die Mischkalkulation tragen aber wahrscheinlich zwei andere Dinge zum Erfolg der „buchbar“ in Erfurt bei. Dinge, die Nocke und Brandt für ihren kleinen Laden ganz konkret benennen können und die nicht nur Kupfer für ganz wesentlich hält, wenn sie darüber spricht, wie Innenstädte in Zukunft aussehen werden und wie sie für möglichst viele Menschen attraktiv bleiben. Oder wieder attraktiv werden.

Zum einen müssen Innenstädte noch viel mehr als bislang zu Erlebnisorten werden müssen. Das bedeutet auch, dass diejenigen, die dort Geld verdienen wollen, noch viel mehr auf die Bedürfnisse der einzelnen Besucher werden eingehen müssen. Mehr Facetten. Mehr Vielfalt. Mehr Individualität. „Klar ist, dass die Innenstadt, die in der Vergangenheit in großen Teilen durch den stationären Einzelhandel geprägt war, so nicht mehr funktionieren wird“, sagt zum Beispiel auch die Teamleiterin Standort und Branchen der Industrie- und Handelskammer Erfurt, Susanne Sturm, die sich unter anderem dafür einsetzt, den Standort voranzubringen.

Gefragt ist vielmehr ein lebendiger Mix aus Einzelhandel, Gastronomie, Arbeit, Wohnen, Kultur und Freizeiteinrichtungen.

– Susanne Sturm, Teamleiterin Standort und Branchen der IHK Erfurt

Individualität der Innenstädte der Zukunft

Für sie alle wird dann stärker als bislang gelten: Leben in einer Nische. In den Worten Kupfers: „Heute ist das Angebot an Waren und Dienstleistungen in vielen Innenstädten sehr ähnlich. Das wird sich ändern. Keine Innenstadt wird in Zukunft aussehen wie andere.“ Kaum jemand, sagt Kupfer, werde in einigen Jahren noch in die Innenstadt gehen, „um sich irgendwo fünf gleiche T-Shirts zu kaufen“. Die Bedeutung der Innenstadt als ein Ort, an dem Grundbedürfnisse wie der Einkauf von Lebensmitteln befriedigt werden, werde deutlich abnehmen, sagt Kupfer.

Bei denjenigen, die in die „buchbar“ kommen, ist diese Suche nach einem besonderen Erlebnis heute schon so ein zentrales Motiv für ihren Besuch. Sie suchen das Individuelle, das sie mit einem Einkauf oder einer Buchung oder einem Kaffee dort verbinden und das sich für manche von ihnen demnächst eben mit einer Radreise durch Marokko fortsetzt.

„In vielen Innenstädten gibt es heute überall das gleiche und das dann auch noch in Massen“, sagt Brandt. „Bei uns ist weniger mehr.“ Während viele andere Buchhandlungen – und Online-Riesen wie Amazon – eine unüberschaubare Auswahl an Büchern bieten, hat Brandt deshalb eine ganz bewusste, sehr gezielte Vorauswahl an Lesestoff getroffen, den sie ihren Kunden anbietet. Diese Aufgeräumtheit ziehe Menschen an, sagt die 49-Jährige. Natürlich nicht alle Menschen. Aber eben ihre Kunden, zu denen auch „erstaunlich viele junge Menschen gehören“. Zudem nicht wenige Menschen, die von außerhalb Erfurts kommen, um in der „buchbar“ in Erfurt zu stöbern.

Bei uns kaufen Menschen, die kommen extra aus anderen Städten und die geben dann auch mal zweihundert oder dreihundert Euro für Bücher aus.

– Ulrike Brandt, Inhaberin der „buchbar“

Der Kunde ist König

Zum anderen wird neben dem Angebot an Waren und Dienstleistungen in Zukunft die Persönlichkeit desjenigen, der dort etwas anbietet, noch eine viel größere Rolle als in den vergangenen Jahren spielen. Kupfer nennt das „die persönliche Bindung“. „Corona hat das ganz deutlich gezeigt. Wir hatten hier viele gute Händler, die haben zum Beispiel über WhatsApp Kontakt zu ihren Stammkunden gehalten, als sie nicht öffnen durften“, sagt sie. Das habe sich bewährt.

Diese persönliche Bindung, sagt Kupfer, führe allerdings auch dazu, dass nicht nur Händler in den nächsten Jahren deutlich flexibler werden müssten, um auf individuelle Bedürfnisse eingehen zu können. Die Zeiten, in denen jemand sein Geschäft nur stur von zehn bis achtzehn Uhr öffnen könne, seien vorbei. „Wenn der Kunde auch außerhalb meiner regulären Öffnungszeiten möchte, dann muss ich flexibel sein“, sagt sie. In Gotha gebe es inzwischen Händler, die an einzelnen Abenden deutlich länger öffneten, um solchen Kunden eine Gelegenheit zum Besuch zu bieten, die tagsüber selbst arbeiten müssen.

Wenn Nocke nun bald mit einigen seiner Kunden durch Marokko fährt, macht er genau das: Er ist flexibel, arbeitet außerhalb der regulären Öffnungszeiten der „buchbar“ – und hat die Menschen, die ihn begleiten werden, längst durch seine Persönlichkeit überzeugt. Und das, sagt er, obwohl er seine Reisen in einer Art verkaufe, die völlig konträr zu dem sei, was er in Schulungen zum Reiseverkauf einmal gelernt habe. „Eigentlich mache ich alles falsch“, sagt er. „Ich rede zu viel.“

Diejenigen, die von weit her zu Nocke kommen, sehen das offenbar anders. Was falsch und was richtig ist, liegt eben im Auge des Betrachters. Oder: des Kunden.

Streitthema: Autofreie Innenstadt

Immer mehr Städte versuchen, Autos aus ihren Innenstädten zu verbannen; zum Beispiel dadurch, dass sie Parkflächen für Besucher komplett sperren oder die Parkgebühren deutlich erhöhen. Nach der übereinstimmenden Einschätzung vieler Thüringer Innenstadt-Händler, aber zum Beispiel auch der Citymanagerin Erfurts, Patricia Stepputtis, trägt das – jedenfalls derzeit noch – dazu bei, dass bestimmte Teile der Bevölkerung immer seltener in die Stadtzentren kommen. „Ja, die Parkgebühren werden von vielen als zu hoch empfunden“, sagt Stepputtis mit Verweis auf Erfahrungen aus der Landeshauptstadt. „Ja, vielen ist die Anreise mit Bus und Bahn zu aufwändig oder gar unmöglich durch die Anbindung.“ Eine echte Alternative zu dieser Entwicklung sei derzeit noch nicht absehbar: „Wir erleben nun mal gerade eine Verkehrswende“, sagt sie.

Autor: Sebastian Haak

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